Keine Angst vor Lyrik - 15. Ausgabe von "Das Gedicht"

München - Es klingt nach einem Himmelfahrtskommando: eine Publikumszeitschrift für zeitgenössische Lyrik zu gründen. Und doch, die Kiste fliegt, denn seit 1993 erscheint einmal jährlich "Das Gedicht".

Am kommenden Dienstag, 19 Uhr, feiert der Weßlinger Verleger Anton G. Leitner (46), selbst Dichter, Lektor und Herausgeber, mit 50 namhaften Autoren im Münchner Literaturhaus die 15. Gedicht-Ausgabe "Ich bin dein Nest/ du bist mein Fest".

Wie entstand der waghalsige Entschluss, "Das Gedicht" zu gründen?

Ich war 1993 Vorsitzender der Initiative junger Autoren. Lyrik war der Bereich, in dem ich mich bestens auskannte und gute Kontakte hatte. Das "Jahrbuch der Lyrik" pausierte gerade. Und ich sagte mir, wenn du diesen Wahnsinn begehst, dann nur in deinem Bereich. Ich wollte von Anfang an einen pluralen Ansatz, sowohl junge Lyrik als auch Texte älterer Kollegen. Daneben sollten immer auch Essays und Kritiken enthalten sein. Später führten wir Themenhefte ein. Nach wie vor haben wir in dieser Form keine Konkurrenz. Und kein normaler Verlag würde so etwas machen, denn es ist sehr aufwändig.

Weshalb nennen Sie 2007 in Ihrem Jahresresümee Ihr spannendstes Verlegerjahr?

Ich habe in 15 Jahren als Verleger erstmals so viel Geld verdient, wie es einem Akademiker halbwegs angemessen ist. In den ersten fünf Jahren schrieben wir rote Zahlen, dann kamen wir bei Null raus, hatten zwischendurch kurz ein Plus und standen vor zwei Jahren wegen Veränderungen im Buchhandel vor dem Aus. Ehrenamtlich riet mir ein Banker zu einigen sehr guten Maßnahmen. Wir arbeiten verstärkt mit anderen Verlagen wie dtv und Chrismon zusammen. Das Arbeiten am Gedicht wird wirtschaftlicher, wenn es für zwei oder drei Projekte geschrieben wird. Außerdem bieten wir als Dienstleistung Herausgeberschaft und Lektorat für Gedichtbände in der Reihe "Poesie 21" an, hinter denen wir inhaltlich natürlich auch stehen, sozusagen ein betreutes Book-on-Demand. Und wir haben, zeitlich günstig zu den G8-Veränderungen, eine Reihe Latein-Lernhilfen herausgebracht, die wie von selbst gehen.

Wie hoch ist die "Gedicht"-Auflage?

1993 sind wir mit 1500 Exemplaren gestartet. Das erste Erotikheft hatte bis zu 8000. Starke Hefte wie Erotik und Religion kommen inzwischen auf bis zu 5000, schwächere wie Politik oder Tiere auf 4000. Das ist für Lyrik auch noch ziemlich gut.

Macht das Heft selbst jetzt auch Gewinn oder nur der Verlag?

Der Gewinn kommt eher aus den Fremdprojekten. Die Satelliten, die "Das Gedicht" umkreisen, sind fast mächtiger als das Zentrum. Trotzdem bleibt es mein Herzblatt.

Hat sich das Konzept mit den Jahren verändert?

Das Grundkonzept aus Anthologie, Essay und Kritikteil blieb bis auf wenige Ausnahmen. Wir sind weiterhin generationenübergreifend und Cliquen-unabhängig. Früher haben wir die Anthologie nach dem Alter der Autoren sortiert, heute erhält sie eine Dramaturgie. 90 Prozent der Texte sind immer noch Erstveröffentlichungen. Ich finde allerdings, dass wir mit den letzten Heften etwas zu gefällig wurden. Ich möchte es wie zu den Anfangszeiten gerne wieder freakiger, frecher, politischer.

Wie gestaltet sich das Fest?

Es wird sozusagen eine aufgeführte "Gedicht"-Ausgabe. Die meisten Texte sind aus dem aktuellen Heft. 50 Autoren reisen ganz auf eigene Kosten an. Wir spannen inhaltlich einen Bogen. Es ist fast ein Theaterstück.

Was wünscht sich "Das Gedicht" zum Geburtstag?

Keine Angst vor Lyrik. Und die Rückbesinnung, dass wir ein Volk der Dichter und Denker sind, nicht der Kleinkrämer, Aktienschacherer und Durchrationalisierer.

Das Gespräch führte

Christine Diller

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