Keine Angst vor Theater

Bach-Chor: - Was passiert während eines Konzerts des Münchener Bach-Chores auf oder hinter der Bühne? Wie erlebt ein Sänger die Matthäus-Passion? Chormitglied Georg Holzer, im Hauptberuf Dramaturg am Bayerischen Staatsschauspiel, beschreibt seine Erlebnisse.

Mit der Matthäuspassion hat jeder Chorsänger seine Geschichte. Ein paar alte Herren haben sie schon vor fünfzig Jahren im Knabenchor mitgesungen, andere stehen heute zum ersten Mal damit auf der Bühne. In ein paar Gesichtern sehe ich den Respekt vor den drei Stunden konzentrierter Musik. Aber wenn die Kehlen ringsum "gut sortiert" sind, kann nicht viel schiefgehen. Einfach im Windschatten der Erfahrenen bleiben - und aufpassen, dass man sich im Überschwang der Musik nicht zu einem der gefürchteten Soloauftritte hinreißen lässt: wenn man voller Überzeugung einsetzt, aber sonst niemand . . .

Donnerstagabend, Generalprobe im Saal hinter der Philharmonie. Der Raum ist klein, wir sind vollständig erschienen: 80 Sängerinnen und Sänger, die Instrumentalisten vom Bach-Collegium, selbst die Solisten geben uns die Ehre. Ihretwegen traut sich niemand, ein Fenster zu öffnen. Nach fünf Minuten ist kein Gramm Sauerstoff mehr im Raum, es verschwindet das bisschen Energie, das der Tag noch übrig ließ, bleierne Schwere legt sich aufs Gemüt. Hilft aber nichts.

Erinnerungen an ein Konzert in Turin im letzten Herbst: Beginn um 21 Uhr, das Ende weit nach Mitternacht erreichen wir aufrecht, aber mit letzter Kraft, dem Publikum geht es nicht anders. Denn die Matthäuspassion ist mehr als ein "normales" Konzert: länger, intensiver, emotionaler. Und viele von uns lieben sie mehr als jede andere Musik der Welt.

Die Generalprobe ist unsere Chance, die Solisten zu hören, die uns tags darauf in der Philharmonie den Rücken zudrehen. Natürlich singen sie heute noch verhalten. Sopranistin Andrea Brown möchte trotzdem etwas bieten. Auch der Chor ist schließlich ein Publikum, und so tanzt sie mit wogendem Dekolleté die Arie "Ich will dir mein Herze schenken". Wem? Mir? Gott befohlen . . . Immerhin geht sie mit gutem Beispiel voran. Denn die Passion ist eine große Tragödie. Mahnung von Maestro Hansjörg Albrecht: "Keine Angst vor Theater!" Hab‘ ich nicht. Wir sind die trauernde Gemeinde, das aufgepeitschte Volk, die Zeugen der Kreuzigung. Das muss der Zuhörer spüren.

Freitag, 11 Uhr. Stellprobe auf der Bühne der Philharmonie. Konzertdirektion und Gasteig-Technik haben sich blind aufeinander verlassen, deshalb ist so gut wie nichts vorbereitet. Wir staunen, dass es in dieser wunderbaren Mehrzweckhalle nicht möglich ist, jedem Chorsänger einen Blick auf den Dirigenten zu verschaffen. Vielleicht wirkt vor dem hellen Holz der Philharmonie wenigstens die neue Kleidung der Männer?

Um die gab‘s zuvor viel Aufregung. Salomonische Entscheidung des Chefs: schwarze Hemden, schwarze Fliegen. Als Kinder haben wir uns über den Witz mit der ostfriesischen Kriegsflagge kaputtgelacht: weißer Adler auf weißem Grund. Jetzt sind wir erwachsen und singen in schwarzer Fliege vor schwarzem Hemd. Ob‘s jemand merkt?

In der Konzerteinführung singen wir uns warm, während das Bach-Collegium sich vornehm zurückhält. Vielleicht übt es noch die ersten Takte des "O Mensch, bewein‘ dein Sünde groß"? Wenn, dann nützt es nichts, der Schlusschor des ersten Teils geht nicht so recht zusammen. Wie jedes Jahr.

14 Uhr, Konzertbeginn. Der Eingangschor. Ein paar Töne, und alles ist wieder da, Bachs ganzes Riesenwerk von menschlicher Schuld, Schwäche, Trauer und Hoffnung. Letztes Jahr, bei seiner ersten Matthäuspassion am Pult, hat uns Hansjörg Albrecht etwas zu schnell durch den ersten Choral getragen, heute ist er verhaltener. Das sind wohl die glücklichsten Momente: Wenn man zum Instrument des Dirigenten wird, wenn man spürt, dass alles, was in der Musik geschieht, in diesem Moment genau so sein muss.

Die Frage, wie man Bach "richtig" musiziert, ist in solchen Augenblicken ohne Bedeutung. Heute folge ich gespannt jeder Da-Capo-Arie - von denen ja böse Zungen behaupten, Bach hätte sie so gedehnt, damit auch der Zuhörer ein wenig leiden müsse. In der Pause dann in der Retro-80er-Jahre-Kantine die Gewissensfrage: Wiener Würstl am Karfreitag? Nicht gerade gelebter Protestantismus, aber wer singt, braucht Kraft. Nur mit dem Senf sollte man aufpassen, gelb auf schwarz ist keine gute Kombination.

Während im ersten Teil der Passion noch Momente von Zuversicht zu finden sind, verdichtet sie sich nach der Pause zum ausweglosen Totentanz. Beim "Wenn ich einmal soll scheiden" habe ich Tränen in den Augen: In keinem anderen Choral ist die Gemeinschaft zwischen Komponist, Musikern und Zuhörern so innig. Die Spannung entlädt sich zuerst im Schlusschor, dann im Applaus, später in den letzten Sonnenstrahlen über der Isar. Und hat mir nicht ein berühmter Dirigent mal gesagt, nur Musiker könnten wissen, dass ein Bier nach dem Konzert so gut schmeckt wie kein anderes? Er hatte Recht. Auch wenn das wieder nicht protestantisch korrekt ist.

Das nächste Konzert des Bach-Chores ist am kommenden Freitag, 20 Uhr, im Gasteig. Aufgeführt wird Händels "Messias".

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