Keine Angst vor Unterhaltung

- Wer ihren Terminkalender studiert, könnte auf falsche Gedanken kommen. "Die lustige Witwe" in Nürnberg, am Sonntag "Die Dubarry" im Gärtnerplatztheater, danach "Der Zigeunerbaron" in Wien: also eine Frau für alle Operettenfälle? Doch dann findet sich auch Außergewöhnliches. Die Songoper "Diana" von Enjott Schneider, "Das Tagebuch der Anne Frank" von Grigori Frid, Cherubinis "Lo Sposo di Tre". Für was steht nun Valentina Simeonova eigentlich? "Das ist schon komisch", sagt die junge Regisseurin. "Die einen kennen mich wirklich nur von der ernsten Seite, die anderen geben mir ausschließlich lustiges Zeug."

Erfolg hat sie mit beiden Richtungen. Vielleicht, weil sie frech ist, Ambitioniertes wagt, ohne gleich das Stück umzukrempeln. Die Nürnberger haben dies gerade bei Lehár erfahren, als Valentina Simeonova dem dortigen Theater mit der "Lustigen Witwe" den lang vermissten Erfolg bescherte. Eine knifflige Sache sei das momentan mit der Operette, stöhnt die gebürtige Bulgarin. "Man will's nicht zu modern, nicht auf dem Flughafen spielen lassen, auch nicht mit Kostümen aus dem Fundus. Und Blut auf der Bühne, das schließen viele Intendanten gleich von vornherein aus, auch wenn das gar nicht mein Stil ist." Ist demnach die Operette wirklich in der Krise? "Na klar, ich habe schon zu viele schlechte Inszenierungen gesehen. Die Regisseure haben einfach Angst davor, Unterhaltung zu bieten."

Selbiges hat Valentina Simeonova nun am Gärtnerplatztheater vor. Premiere von Karl Millöckers "Die Dubarry" (in der gängigen Fassung von Theo Mackeben) ist am Sonntag, Andreas Kowalewitz dirigiert. Die Operette dreht sich um die schöne Jeanne, die auf Betreiben eines Grafen die Mätresse von Ludwig XV. werden soll, damit dieser Graf seine Stellung bei Hof verbessern kann. Und siehe da: Der König verliebt sich in Jeanne.

Plüschige Rokoko-Orgien wird es allerdings in Valentina Simeonovas Produktion nicht geben. "Es sind nur Zitate von damals zu sehen, ich arbeite eher assoziativ. Ich will herausfinden, welche Elemente die Ludwig-Zeit und die Gegenwart gemeinsam haben." Eine Verfrachtung ins Heute hält sie daher für "eine Vergewaltigung".

Dass Valentina Simeonova einmal am Regie-Pult sitzen würde, war lange nicht klar. Sie begann als Ballett-Tänzerin, ließ sich in ihrer Heimatstadt Varna ausbilden. Nach der politischen Wende wollte sie unbedingt in die USA - egal wie. Doch zunächst gab's kein Visum, "und ich musste zwei Jahre in Deutschland bleiben". Ein Freund riet ihr, die schon Betriebswirtschaft angepeilt hatte, sie solle es doch als Regisseurin versuchen. Bei der ersten Prüfung an der Hamburger Musikhochschule fiel Valentina Simeonova durch, nach einem Jahr intensiver Vorbereitung klappte es dann. "Oper fand ich damals langweilig. Ich dachte mir, ich könnte sie ein wenig aufmischen."

Verständnis für die Titelheldin

Zwei Spielzeiten lang arbeitete sie als Assistentin an der Deutschen Staatsoper Berlin, lernte von Routiniers wie Harry Kupfer und Jürgen Flimm. Eine Zeit, die Valentina Simeonova nicht missen mag, die ihrer Meinung nach auch notwendig war. "Ich stelle mir das chaotisch vor: wenn Leute, die nie assistiert haben, plötzlich selbst inszenieren."

Das nötige Selbstbewusstsein für den Beruf, auch die Fähigkeit zur Selbstkritik scheint sie jedenfalls mitzubringen. "Ich habe vor Beginn der Proben eine genaue Vorstellung von dem, was ich will", sagt Valentina Simeonova. "Schließlich ist die Zeit immer zu knapp." Ein Problem sei indes, dass sie anfangs von ihren Regie-Kindern kaum loslassen konnte. "Noch nach der Premiere bin ich zu den Sängern gegangen und habe gefragt, warum sie eine Szene anders als vereinbart gespielt haben."

Als sich Valentina Simeonova erstmals mit der "Dubarry" auseinander setzte, sei ihr die Titelheldin unsympathisch gewesen. "Doch es ist mehr als nur billiges Ausspielen der Schönheit. Denn welche Entfaltungsmöglichkeiten hatte eine Frau vor 250 Jahren? Ihre Schönheit war doch Jeannes einziges Kapital. Warum sollte sie nicht daraus etwas machen?" Und dass ein Mann diese Operette anders inszenieren würde, ist für Valentina Simeonova ohnehin klar. "Es muss einfach immer eine gewisse Leichtigkeit haben. Auch wenn's etwas negativ klingt: Ein Mann würde es verkopfter machen - und womöglich nach etwas suchen, was es gar nicht gibt."

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