Keine Aufbruchsignale

- Es gab schon bessere Jahre fürs deutsche Kino. Die Wirtschaftskrise macht auch vor der Branche nicht halt, die Champagnerlaune, die vor Jahresfrist - "Bully" Herbigs "Schuh des Manitu" sei Dank - noch dominierte, ist einem schweren Kater gewichen. Der heiteren Nacht des Bayerischen Filmpreises Anno 2002 folgte nur Wochen später das Kirch-Desaster. Auch seriöse Verleiher, Produzenten und Dienstleister machten Pleite, andere bugsieren sich nur mit Mühe durch die plötzlich rau gewordenen Verhältnisse.

<P>Die diesjährigen Preise, die am Freitag im Cuvillié´stheater verliehen wurden, spiegeln dies gut wider: Ein paar "sichere Nummern" und ein paar Verlegenheitslösungen, aber keine Aufbruchsignale, die auf eine Stimmungsverbesserung, gar künstlerischen Glanz hindeuten. Andreas Dresens "Halbe Treppe" ist ohne Frage einer der besten Filme des Jahres. Er gewann indes schon den Bundesfilmpreis und bei der Berlinale - die bayerische Auszeichnung macht nur umso deutlicher, dass der Jury seit einem Jahr nichts Besseres vor die Augen kam.<BR><BR>Enttäuschend ist der Nachwuchsregiepreis für Chris Kraus. "Scherbentanz" ist ein Kompromissfilm, nett, aber ohne Überraschungen. Dabei gab es im vergangenen Jahr, in dem große Namen - Tykwer, Dörrie, Levy - enttäuschten, einige mutige oder interessant verspielte Debüts: "Klassenfahrt" von Henner Winckler, Uli Köhlers "Bungalow" oder "Mein erstes Wunder" von Anne Wild. Während "Scherbentanz" in Sachen Story und Regie Durchschnitt bleibt, ist seine Bildgestaltung originell. Insofern ist der Preis für seine Kamerafrau Judith Kaufmann doppelt verdient - sie ist eine der besten ihrer Zunft.<BR><BR>Besonders bemerkenswert: Kein einziger Bayerischer Filmpreis ging an einen Filmemacher aus dem Freistaat - es sei denn, man nimmt Oskar Roehler (Berlin) oder Züli Aladag (Köln) als Exilbayern. Nur der Produzentenpreis für Uschi Reich repräsentiert den "Filmstandort Bayern", den die Staatsregierung gern wortgewaltig beschwört - freilich produzierte sie bisher nur erfolgreich jenen (Kinderfilm-) Mainstream, der sich derzeit das diffuse Etikett "Family Entertainment" umhängt. Werke, die wenig wagen, nichts, womit man künstlerischen Ruhm ernten oder außerhalb Deutschlands viel Geld verdienen könnte.<BR><BR>Es gibt aber auch positive Signale: Mit den Auszeichnungen für Züli Aladag und Fatih Akin wurden nicht nur interessante Filme prämiert. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit auch auf das gar nicht so kleine Häufchen deutscher Regisseure türkischer Herkunft, die schon länger eine qualitativ wichtige Gruppe in der deutschen Kino-Landschaft bilden. Für Aladags spannende Boxer-Story "Elefantenherz" muss die Prämierung aber auch eine Warnung sein: Ein "Schub" durch den Filmpreis ist keineswegs automatisch. Peter Sehrs im Vorjahr prämiertes Opus ("Love the hard way") ist noch immer nicht ins Kino gekommen. Auch "Elefantenherz" wurde bereits mehrfach verschoben, obwohl sein Berliner Verleih die entsprechende Förderung längst kassiert hat.<BR><BR>Man hat den Eindruck, ein Jahr des Übergangs zu erleben. Der deutsche Film ist wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Viele Produzenten gehen auf Nummer sicher, während es gewagte Projekte abseits des Mainstream schwer haben. Man denke nur an Romuald Karmakars neuen Film, der in Bayern unverständlicherweise keine Förderung erhielt und nur mit massiven Schwierigkeiten gedreht werden konnte.<BR><BR>Aber immer noch sind dies alles Mängel auf hohem Niveau: In Bayern ist die Kino-Landschaft reicher als andernorts, die finanzielle Ausstattung besser als im Rest der Republik. Nur muss man, über netten Mainstream hinaus, auch etwas daraus machen.<BR><BR></P>

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