Keine Chefs über 35

- Sie spricht leise, ihre Sätze sind tastend. Dabei gehört Gesine Danckwart, Jahrgang 1969, zu den angesagtesten Autoren ihrer Generation. Ihr jüngstes Werk "Meinicht" wurde kürzlich am Schauspielhaus Wien uraufgeführt. "Täglich Brot" ist ihr prägnantestes Stück. Es zielt ins Zentrum unserer McKinsey-Gesellschaft. Eisernes Image oder Seelenglück? Eine Frage, die die fünf Figuren in "Täglich Brot" in Bewegung hält und gesprächig macht. Heute ist Premiere im Theater im Haus der Kunst. Es spielen Beatrix Doderer, Eva Gosciejewicz, Lisa Wagner, Bernd Gnann und Arnd Klawitter. Regie: Hans-Ulrich Becker.

Der moderne Mensch verschwendet keine Zeit. Effizienz ist sein oberster Wert. Die Figuren in "Täglich Brot" kommen damit nicht zurecht, ohne zu einer eigenen Vision zu finden . . .<BR><BR>Danckwart: Der Hauch einer Vision liegt vielleicht darin, dass sich die Figuren immerhin an den Mechanismen und den Phrasen, dem ganzen Effizienz-Wortmüll reiben können. Dahinter verbergen sich die Härten moderner Arbeitswelten, genauer gesagt: Nichtarbeitswelten. Und die Ideologie einer Gesellschaft, die weiß, dass es zu wenig Arbeit gibt und trotzdem den Arbeitsplatz zum zentralen Moment von Identität erhebt. Dabei gilt: Bitte lächeln und keine Seniorchefs über 35.<BR><BR>In Ihrem Stück "GirlsNightOut" heißt es: "Jetzt muss ich mir aber wirklich bald eine Lebensform suchen, die zu mir passt." Steckt in diesem Abstand zu sich selbst nicht schon ein Stück positive Utopie?<BR><BR>Danckwart: Vielleicht liegt ein Moment von Utopie in der Möglichkeit, sich im Spiel zu variieren. Dabei auf neue Geschwindigkeiten, auf eine Veränderung der ideologischen Pole, auf eine Verschiebung unserer Identitätsfragen mit einer eigenen Sprache zu reagieren.<BR><BR>Was bedeutet für Sie der Akt des Schreibens? Ist das Ihr persönlicher Ausbruch aus der geschlossenen Gesellschaft der Hochleistungsarbeiter?<BR><BR>Danckwart: Nein, ich sehe meine Theaterarbeit und mein Schreiben nicht als den Versuch eines Alternativmodells an. Theater ist keineswegs ein Bereich, der sich Marktmechanismen und Zeitfragen völlig entzieht. Ich gehe beim Schreiben einem Schmerz nach, einem Nichtübereinstimmen des Einzelnen mit dieser Glücksidee, diesem Erfüllungszwang im Hier und Jetzt.<BR><BR>Wer oder was hat Ihr Schreiben beeinflusst?<BR><BR>Danckwart: Für mich war die Auseinandersetzung mit dem Theater prägend. Mit Theater, das in seiner Formensprache so radikal auf veränderte gesellschaftliche Paradigmen reagiert wie Frank Castorf, wie die Performancegruppe von Forced Entertainment oder das massive, fiktive Theater von Andrea Breth. Ich habe daraus für mich die Freiheit und Notwendigkeit abgeleitet, in meinen Arbeiten eine je eigene Form zu entwickeln. Und zu versuchen, das täglich auf uns einstürzende Material, den Bild- und Textfluss aus Kino und Fernsehen, die Sprache auf den Straßen aufzunehmen, in sich zu bewegen und neu zu mischen.<BR><BR>Wie finden die Themen, die Sie entwickeln, zur Form?<BR><BR>Danckwart: In einer Gegenwart, die stark über Bilder und deren Manipulation bestimmt wird, ist für mich Sprache ein Material, mit dem das Theater die Dynamik dieser Machtausübung darstellen kann. Sprache erlaubt ein Spiel mit Oberflächen, hinter denen Figuren stecken, die sich sprechend jeweils neu erfinden. In "Täglich Brot" ist es zum Beispiel dieser abstrakte Tagesrhythmus, der den Figuren ihre jeweilige Kontur verleiht. Das Sprechen oder Nichtsprechen macht deutlich, wer welchen Platz einnimmt im Spiel. Vielleicht kann man sagen: Die Angst, sich an einem leeren Abgrund sprechend zu behaupten, diese Angst bestimmt die Form.<BR><BR>Das Gespräch führte Marietta Piekenbrock<BR>

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