Keine Digital-Gendarmerie

- Ein Jahrhundert ist es her, dass Richard Strauss mit einigen Kollegen eine Initiative zum Schutz von Kompositionen gründete. Heute sind in der GEMA, der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, rund 60 000 Komponisten, Texter und Verleger zusammengeschlossen. Die Generaldirektion hat Vertretungen in München und Berlin, als Vorstandsvorsitzender amtiert Professor Reinhold Kreile. Am Freitag wird das Jubiläum mit einem Festakt im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt gefeiert.

Das Jubiläum, so meinten Sie im Vorfeld, könne das Bewusstsein dafür schärfen, dass der Urheberschutz zu den elementaren Bestandteilen einer Gesellschaft gehört. Gibt es Anlass zur Sorge?

Kreile: Seit Anbeginn. Im Barock waren die Fürsten die Mäzene der Kunst. Nachdem die Gesellschaft sich geändert hatte, übernahm das Bürgertum diese Funktion. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts sorgten in Frankreich die Komponisten selbst für eine angemessene Vergütung. Das Urheberrecht ist ein ausgesprochenes Kulturrecht. Heute ist es wichtiger denn je - bedingt durch die moderne Technik wie Internet, mit der ein Zustand geschaffen werden kann, in dem Musik als vogelfrei gilt.

Die Gesetzgebung hinkt der galoppierenden technischen Entwicklung aber immer hinterher . . .

Kreile: Kaum ein Gesetzgeber sieht eine Entwicklung voraus. Ich mahne nur einen zügigeren Prozess an. Die technische Entwicklung ist so ausufernd, dass man gar nicht mehr dahinter kommt, wer welches Werk nutzt. Hier sind Verbesserungen notwendig. Ebenso bei der Regelung über private Vervielfältigungen, dafür existiert ja eine sehr geringe Vergütungspflicht. Es bezahlt, wer solche Kopiergeräte auf den Markt bringt. Und diese Pauschale muss in den nächsten fünf bis zehn Jahren erhöht werden. Denn es ist nicht möglich, dass die Verwertungsgesellschaften bei jedem, der einen PC oder einen CD-Brenner hat, nachschaut, was er wie vervielfältigt. Die GEMA kann ja keine Digital-Gendarmerie sein.

Was würde wohl Richard Strauss zur heutigen GEMA sagen?

Kreile: Die Urväter wären sicherlich zufrieden. Aber die GEMA selbst ist es nie. Es muss stets die angemessene Vergütung hereingeholt werden, so der Grundsatz. Aber was heißt das? Sowohl Komponist als auch Lizenz-Nutzer finden die Zahlungen fast immer unangemessen - jeder auf seine Weise eben.

Nicht nur die Technik, auch der Begriff des Werks verändert sich, wenn man an Avantgarde-Musik denkt. Wird es nicht immer schwieriger, etwas zu schützen, dessen Konturen aufweichen?

Kreile: Der Werkbegriff ist juristisch nach wie vor unverändert. Es geht stets um die Festlegung eines schöpferischen Gedankens. Die Darstellungsart und die geistige Struktur ändert sich durchaus. Wir sind aber für die juristische Seite zuständig. Außerdem ist es ja im Sinne der Urheber, eine nachprüf- und schützbare Fixierung des Werks zu hinterlassen.

Komponisten der E-Musik haben sicherlich ein starkes Interesse an den Ausschüttungen der GEMA. Aber sind die Zahlungen für manch schwerreichen Kollegen aus der Pop-Branche nicht lediglich ein geringes Zubrot?

Kreile: Nein, auch für diese Komponisten ist die GEMA wichtig, die ja nicht nur vom Veranstalter kassiert, sondern eben auch ausschüttet - was sich nach der Häufigkeit der Aufführung richtet. Ich habe daher noch keinen Pop-Vertreter getroffen, der die GEMA für überflüssig hält.

Und wie wird die GEMA in 100 Jahren aussehen?

Kreile: Völlig anders und genau gleich. Die Grundprinzipien der Vergütung, kollektiven Rechte-Wahrnehmung und individuellen Ausschüttung bleiben.

Aber wirklich "nur" auf deutscher Ebene - angesichts der enormen Internationalisierung?

Kreile: Schon. Das gilt zwar nicht für den elektronischen Sektor wie Internet oder CD, für den es sicher eine Art gesamteuropäische Vereinigung der Verwertungsgesellschaften geben wird. Aber: In Frankreich zum Beispiel ist in öffentlichen Aufführungen das Repertoire ein völlig anderes als in Deutschland. Auch Rundfunk und Fernsehen setzen ganz eigene Schwerpunkte. Deshalb werden in diesen Bereichen, bei allen kulturellen Unterschieden, immer nationale Verwertungsgesellschaften existieren - die freilich eng zusammenarbeiten.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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