Keine Furcht vor großen Emotionen

- Keine seltsame Mondscheibe beleuchtet diese Salome. Sie steht in einem ganz anderen Licht und tönt in meist kräftigen Farben, gemischt vom Franzosen Jules Massenet im Nachklang zur Grande Opera: "Hérodiade" heißt seine Vertonung des biblischen Stoffes rund um Herodias, Herodes, Salome und Johannes - der hier tatsächlich Jean heißt.

Massenets 1881 in Brüssel uraufgeführte "Hé´rodiade" erschien am Sonntagabend - vom Münchner Rundfunkorchester musiziert und noch von seinem verstorbenen Chef, Marcello Viotti, "eingeladen" - als seltener Gast in der Heimatstadt von Richard Strauss, dessen "Salome" 24 Jahre später die Bühne eroberte und bis heute dominiert.

Nur wer (vorübergehend) der Strauss-Wilde'schen Dé´cadence-Droge entsagt, sich frei macht von ihrem klanglichen Raffinement und der subtilen Psychologisierung, hat die Ohren frei für Massenet, bei dem es gerade heraus um die großen Gefühle geht. Und, wie der kluge Artikel im Programmheft erläutert, auch um tagespolitische Bezüge (1870 Wechsel vom Zweiten Kaiserreich zur Dritten Republik).

Tiefenpsychologische Abgründe werden nicht bis in verborgene Winkel ausgeleuchtet, statt dessen Emotionen umso klarer angestrahlt: Salomes Liebe zu Jean, Herodiades Liebe zur Macht und ihr Hass auf Salome, der ihr Gemahl Hé´rode völlig verfallen ist. Dieser Hass ist so groß, dass sie, die ihre Tochter Salome als Kind verlor, sie nach dem Erkennen verleugnet und sich erst zu ihr bekennt, als Salome getötet werden soll. Zu spät. Salome stirbt durch eigene Hand - einen Liebestod.

Massenet malt das alles in satten, leuchtenden Farben, mit viel Blech, mit Streicherschmelz, mit exotischen Tupfern (kleine Trommel, Klavier, Cymbeln, Triangel), oder gezielten Einsätzen von Harfen, Holz, sogar Saxophon. Jun Märkl am Pult des mit etlichen neuen Gesichtern bestückten und so bestens gerüsteten Rundfunkorchesters sorgte mit Temperament und ohne Furcht vor emotionalen Ausbrüchen für eine pralle, mitreißende Wiedergabe. Er hielt sicher die Balance zwischen tableauhaften Momenten, einem Schuss Operette und lyrischer Intensität, die gerade Salome in ein sanftes, weiches Licht rückt.

Barbara Haveman verströmte warme Innigkeit und blieb später in der dramatischen Steigerung nichts schuldig. Mit ihrem in allen Lagen üppigen, runden, warm timbrierten Sopran setzte sie sich mühelos durch. Was Jean - dem Massenet sogar Liebesduette mit ihr vergönnt - nicht gleichermaßen gelang. Nikolai Schukoff wagte sich mit dieser Partie auf ein gefährliches Terrain. Auch wenn er kraftvoll die heiklen Spitzentöne erklomm, mutete sein Tenor doch eher lyrisch an, sollte er sich für die heldenhaften Töne Zeit lassen.

Diesem jungen, zukunftsträchtigen Paar stand ein erfahrenes gegenüber: Agnes Baltsa in der Titelrolle der Hérodiade und Vladimir Chernov als Hérode. Die große Baltsa begrub sämtliche Einwände (Registerwechsel, kleine Höhenschärfen) mit dramatischem Furor und der imponierenden Kraft ihrer Persönlichkeit. Vor allem in der Schlussszene wie im Duett mit dem ausgezeichneten Bassisten Nicolas Teste, der den chaldäischen Sternendeuter Phanuel als Bruder des Jochanaan meißelte.

Chernov warb in seiner Liebesvision mit weichem Bariton um Salome, bevor er, zunehmend härter werdend, den Tetrarchen herauskehrte - ein hoch spannender Augenblick. Martijn Sanders als Römer Vitellius, Steven Humes als Hoherpriester und der blutjunge Martin Mitterrutzer (Stimme) rundeten das Solistenensemble auf bestem Niveau. Dazu gesellten sich Chor und Kinderchor des BR (Udo Mehrpohl und Ursula Stigloher), die, ebenso wohltönend wie markant, entscheidend zum großen Erfolg der konzertanten "Hérodiade" und somit zu einem Sieg für Massenet auf Strauss' Territorium beitrugen.

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