Keine Gemütlichkeit

- Die "Münchner Künstlergenossenschaft, königlich privilegiert 1868", ist die älteste Künstlervereinigung Münchens. Und hat schon viel durchgemacht. Einst durch Größen wie Leibl oder Lenbach zu Namen gekommen, jetzt meist als Sammelanstalt von Handwerker-Krimskrams verunglimpft. Die diesjährige Jahresausstellung im Haus der Kunst ist ein gelungenes Arrangement und verzeichnet eine gute Auswahl an zeitgenössischem malerischen und plastischen Denken und zeigt: Man versteht sein Handwerk.

<P></P><P>Geschmiedeter Stahl, konvex-konkav bearbeitetes Holz, körperhafte Installationen aus Kronkorken, Polyesterskulpturen und Bronzeplastiken neben Kaltnadelradierungen, immens großformatigen Bleistiftzeichnungen, Pastell, Tusche, Collagen. Ekkehard Wiegands formal rudimentärer Bronzeguss "Großer Kindskopf" ist in seiner Konstruktion nur minimal aus der Symmetrie verschoben. Und exakt dieses "Ein-klein-wenig" schafft eine spannende Dialektik von Plastizität und Flächigkeit. Unsicherheit vermittelt auch das Gemälde der vor gelbem Hintergrund liegenden Nackten von Hans Hiller: Scheint das an sich statische Motiv des liegenden Aktes nicht eher schwungvoll aus dem Bild wie auf einem fliegenden Teppich zu schweben?</P><P>Apropos Fliegen: Annette Fritzes zweieinhalb mal zweieinhalb Meter großes, übereinander gelagertes Diptychon "Brigade" lässt Bomber von rechts nach links aus der dunkelblauen Bildfläche rauschen, und über der drückend schweren Stille vermitteln vier nackte Frauen mit Maschinengewehr tiefe Beklemmung. Im wahrsten Sinne "verschwindend leicht" daneben die Seifenobjekte "last summer" von Gabriele Klages. Ihre dralle Sonnenbadende schrumpft auf ihren Schaumgummimatten sechsmal bis zum Nichts. Wie aus Seife oder Wachs wirken auch die Körper der eingefärbten, mannshohen Polyester-Gruppe "Die allein erziehende Mutter und ihr Kind" von Erika Maria Lankes. Die Kühle des Materials konkurriert nicht mit der Verletzlichkeit: Der grob vernarbte Bauch der ausgemergelten Frau entspricht dem fleischigen, blutroten Rucksack des Kindes. Dieses ist nicht nur in seiner eigenen Körperschwere der Mutter eine "Last", sondern trägt selbst eine solche.</P><P>Schön an dieser Schau ist die Bandbreite. So ist es möglich, dass das mit Streumaterial ummantelte Styropor-Objekt des jüngsten Mitglieds, Colin Murphy, nämlich seine "home grown" (zuhause gewachsenen) Grünstreifen, sich beinahe vier Meter lang vor dem Kuhfell-Kissen von Charlotte Vögele ausbreiten kann. Wegen seiner dornigen Oberfläche möchte man auf dem besser nicht Platz nehmen. Gemütlichkeit gibt es hier nicht.<BR><BR>Bis 22. 9., Tel.: 089/ 21 12 71, Katalog: 15 Euro.<BR></P>

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