Keine Herrschaft ohne Bildung

- Der Auferstandene und die glänzende Kugel. Adriaen de Vries und Jeppe Hein. Üppig durchgeformte Plastik für die Nachdenklichkeit und streng stereometrische Körper für den Spaß. In der Ausstellung "Schatzhäuser Deutschlands - Kunst in adeligem Privatbesitz" im Münchner Haus der Kunst werden Alt und Neu, Vergangenheit und Gegenwart, Sakrales und Weltliches kontrastiert - am plakativsten in der Haupthalle.

<P>Diese vielschichtige Kombination, die Exponate vom Gemälde bis zum Teeservice, vom Himmelbett bis zur Fotokunst, vom Chorgestühl bis zur Federzeichnung, vom Prunkmöbel bis zu Installation umfasst, repräsentiert fast alle Sammlungen deutscher Adelshäuser. Kurator Wilfried Rogasch hat die Schau in jahrelanger Überzeugungsarbeit realisiert (wir berichteten).<BR><BR>Sammlungen aus der ganzen Bundesrepublik</P><P>Dass selbst eine so imposante Bronzegruppe wie die des auferstandenen Christus (Mausoleum in Stadthagen des Hauses Schaumburg-Lippe) auf Reisen gehen durfte, zeigt die Potenz und Freizügigkeit der Leihgeber. So schaut nun ein durchtrainierter Heiland (um 1620), die Hand lässig erhoben zum Segensgestus, nicht nur gelassen auf freudig erregte Putti und verschlafene Grabeswächter - nur einer schreckt hoch -, sondern auch auf Rosemarie Trockels schrilles Kuheuter, das wie ein WC-Spülkasten aussieht (Sammlung von Reden), auf Blinky Palermos geometrische Farb-Untersuchungen mit ihrem subtilen Witz (Franz von Bayern), die wiederum gut zu Jeppe Heins sich rätselhaft, unvermittelt bewegendem "The Big Mirror Ball" passen (Fürst Thurn und Taxis Sammlungen). In all dem weltlichen Getümmel wird jener Jesus zum tiefsinnigen Faszinationspunkt. Er erfüllt zwar alle adeligen (menschlichen) Träume von Kraft und Herrlichkeit, in sein Gesicht hat der große Bildhauer aber Müdigkeit, ja fast resignative Erschöpfung gelegt. Als blicke er auf eine Welt, für deren Erlösung zu sterben, es sich vielleicht nicht gelohnt hat. <BR><BR>Wer nicht so sehr auf heftige Konfrontationen erpicht ist, kommt aber in der Schau der Schatzhäuser ebenso auf seine Kosten. Kronen, Diademe, Colliers und sonstigen Schmuck sucht man zwar vergebens - abgesehen von dem weithin blitzenden, stattlichen Diamanten namens "Le Beau Sancy" (Haus Hohenzollern) -, findet aber sonst alles, was zu einem ordentlichen Schloss gehört: prächtige Möbel, feines Porzellan und Silber-Service in allen Stilrichtungen, natürlich auch Kunstkammer-Kuriositäten wie etwa einen Vorläufer des Wolpertingers, eine Art geflügelte Wildsau aus einer Kokusnuss und vergoldetem Silber (1590, Burg Eltz). Es gibt naturgemäß Porträts in allen Varianten von herrscherlich ausstaffiert bis bürgerlich leger - man wollte schließlich repräsentieren und sich verewigen. Sehr sympathisch zum Beispiel Johann Anton Tischbeins Gemälde der Familie des Christian August von Solms-Laubach (1770), das das adrette Kind mit Spielzeugpferdchen und die elegante Mama zeigt, den Herrn aber im gemütlichen Hausrock samt Tonpfeife und Schlappen. <BR><BR>Zum herrscherlichen Anspruch tritt immer auch der, Bildung zu beweisen. Neben der Liebe zur Kunst wohl einer der wichtigsten Beweggründe, eine Sammlung anzulegen. Hier manifestiert sich im Kleinen der Ganzheitsanspruch, den sich die Adeligen bei Königen und Kaisern abschauten. Man wollte über Menschen verfügen wie über Zeit und Historie, über Kunst, Natur und Wissenschaft. So sind Schloss, Museum, Orangerie und Fasanerie quasi eine Einheit. Die Bildung drückt sich insbesondere in religiösen und mythologischen Themen aus. Das reicht von illuminierten Büchern über Grafiken aller Art und spätmittelalterliche Stifterbilder etwa mit der Anbetung der Könige (Schloss Braunfels, Hessen) bis zu Rembrandts wohlgeformten Nackedeis. In "Diana mit Aktäon und Kallisto" (1634, Salm-Salm) gruppiert er vor einer fein abgestuften Landschaft die barbusige Göttin samt Gefolge und den Jäger Aktäon, der die Badenden überrascht. Schon wächst ihm, der zur Strafe in einen Hirschen verwandelt wird, das Geweih. Bald werden ihn die Hunde zerreißen: Hinter der Idylle lauert die Gewalt - auch für den Adel.</P><P>Bis 13. Februar, Tel. 089/ 211 27 113, Katalog, Prestel Verlag: 34 Euro.</P>

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