Keine Komma-Moral

- 1996 wurde sie beschlossen, 1998 eingeführt: die neue Rechtschreibung. Hat sie sich durchgesetzt, oder haben es an ihrer Stelle Resignation und Ignoranz oder Beliebigkeit getan? Die meisten Leute schreiben, wie sie es gelernt haben, oder befolgen gerade einmal die einprägsamsten der neuen Regeln, worunter sicher nicht die 1106 Ausnahmebestimmungen fallen, die Dichter Rainer Kunze selbstquälerisch zusammenzählt. "Abstumpfung des Sprachbewusstseins" nennt er das Ergebnis der Reform, und tatsächlich vergisst man allmählich, sich darüber aufzuregen.

<P>Stellvertretend für seine Zunft hat Kunze die Denkschrift "Die Aura der Wörter" verfasst: "Jeder Schreiner achtet auf die Schärfe seiner Schneide, die Reformregeln aber sind die Scharten auf der Schneide des Dichters." Und doch nimmt nicht nur ein Häuflein Verseschmiede Anstoß: Beim Forum des Monats der Bayerischen Akademie der Schönen Künste München waren der Andrang groß und der Beifall laut, mit dem das Publikum den Reformgegnern und Moderator Albert von Schirnding beipflichtete.</P><P>"Richtigstellen" statt "richtig stellen" oder "eine handvoll" gegenüber "eine Hand voll" - erstere sind nicht mehr existierende Ausdrücke, die Kunze vermisst: "Quellen der Wortschöpfung, um die wir beneidet werden, versiegen. Über 100 Jahre Sprachgefühl und -intelligenz werden rückgängig gemacht." Soweit die bekannten Argumente. Ein neues hatte der Augsburger Studiendirektor Wolfgang Illauer: "Die Fehler an Schulen nehmen leicht zu, wegen Alternativschreibungen, gesunkener Komma-Moral und heute drei statt zwei Möglichkeiten der s-Schreibung." Der Publizist Hans Krieger sah gar das differenzierte Denken an sich in Gefahr.</P><P>Uneinigkeit bestand bezüglich der Mittel der Sabotage: Während Jurist und Autor Herbert Rosendorfer auf die Selbstreinigung der Sprache setzte, machte Kunze ein Friedensangebot: Rückkehr zur alten Schreibung mit vorübergehender Akzeptanz der neuen zugunsten derjenigen, die sie bereits lernten. Dem stimmte auch der Erlanger Germanist und Poet Peter Horst Neumann zu und verlegte sich - sicherheitshalber schon im sprachlichen Exil - auf ein trockenes "J'accuse", das auch den Medien galt.<BR><BR></P>

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