Keine Lieder für Hartz IV

- "Ich kann warten" heißt einer der schönsten Songs von "Element of Crime", und es scheint, als sei der Titel Programm: Seit über 20 Jahren macht die Band um Sänger und Texter Sven Regener die selbe romantisch-lakonische Musik und ist damit heute so erfolgreich wie nie (am 11. März live in der Tonhalle in München). Regener gilt zudem seit seinem Roman "Herr Lehmann" als einer der angesagtesten Autoren Deutschlands - auf der Straße erkennen würden ihn trotzdem die wenigsten. Im Kaffeehaus bestellt sich der 45-Jährige beständig grünen Tee nach, da liegt die erste Frage nahe.

Können Sie erklären, warum Ihre Musik in der Presse immer mit Genussmitteln wie Rotwein, Kakao mit Amaretto, Bier oder grünem Tee verglichen wird?

Sven Regener: Musik zu beschreiben ist schwer - da sind mir Genussmittel eigentlich genauso recht wie jede andere Krücke. Es wird in meinen Texten ja auch viel konsumiert.

Für Ihre neue Platte haben Sie sich viel Zeit gelassen - und in der Zwischenzeit zwei Romane veröffentlicht.

Regener: Die Zeit rast halt. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Ruckzuck ist ein Jahr vorbei, das ergibt sich so.

Ihr Herz hängt nicht mehr an dem einen oder dem anderen?

Regener: Nein, ganz und gar nicht. Das kann man nicht miteinander vergleichen.

Wächst mit dem Erfolg auch die Erwartungshaltung an Sie?

Regener: Es findet sicher eine Menge Projektion statt. Aber das macht ja nichts, dafür ist Rockmusik nun einmal da. Wichtig ist eine gewisse Distanz zum Publikum.

Sie singen: "Wo die Neurosen wuchern, will ich Landschaftsgärtner sein." Ist da die Gefahr groß, dass man als Sänger mit der Figur verwechselt wird?

Regener: Es hat natürlich immer auch etwas mit einem selbst zu tun. Aber nicht, weil man genau so ist. Ich bin auch nicht wie Herr Lehmann. Ich habe nicht so ein Leben gelebt. Wenn es drei Sorten Bücher gibt, die ich nicht mag, dann sind das Briefwechsel, Autobiografien und Tagebücher. Die finde ich ganz und gar unerquicklich. Das ist ja gerade das, was einen beim Schreiben bei der Stange hält: Dass man mal ein völlig anderes Leben lebt, viel interessanter und lustiger als das eigene. Und auch trauriger teilweise.

Glauben Sie, dass Ihre Melancholie eine bestimmte gesellschaftliche Stimmung trifft?

Regener: Das spielt sich alles unbewusst ab. Manchmal scheint unsere Musik besser zu den allgemeinen Stimmungen zu passen, manchmal schlechter.

Sie sind in 20 Jahren ihrem Stil erstaunlich treu geblieben.

Regener: Eine Band ist dafür da, einen eigenen Stil zu haben, das kann man ihr ja nicht vorwerfen. Es gibt diese Ideologie der Weiterentwicklung. Das hat aber oft was sehr Zwanghaftes, weil es am Wesen von Kunst vorbeigeht. Es geht darum, etwas zu machen, das Gültigkeit besitzt.

Demnach ist alles ein Song?

Regener: Na, ich denke, wir haben drei bis vier Songs. Das ist viel. Mit einem Song kann man drei Platten machen, würde ich sagen. Mit zwei, kann man schon sechs bis acht Platten machen, aber wenn man drei verschiedene Songs hat, kann man eigentlich unendlich viele Platten machen. Trotzdem ist natürlich jedes Lied ein neues und auch ein anderes Lied.

Warum sucht man Politik in ihren Texten vergeblich?

Regener: Ich habe einen engen politischen Begriff: Aufklärung und Kunst haben miteinander nichts zu tun. Über Hartz IV muss man keine Lieder singen; darüber kann man diskutieren. Ich könnte keinen Politiker ernst nehmen, der im Bundestag singt. Also warum soll ich einen Sänger ernst nehmen, der mir in einem Song erzählt, was er politisch denkt.

Man hört bei Ihnen Schlager, Chansons, Mexikanisches, Kirmesmusik heraus, und wenn man Sie fragt, sagen Sie: Rock.

Regener: Rockmusik ist ja wie ein Staubsauger. Ich sehe unsere Musik unter den Bedingungen, unter denen sie aufgenommen wird, als Rockmusik: Auf den Platten ist alles möglich. Und auch unter den Bedingungen, unter denen sie live gespielt wird, ist sie Rockmusik, nämlich unbestuhlt. Und man hat eine Band - man macht erst die Musik und dann den Text.

Diese drei Dinge sind die eindeutigen Indikatoren für Rockmusik?

Regener: An irgendetwas muss man sich halten. In vielen Notfallkrankenhäusern machen sie es schon so, dass sie nur noch drei Parameter anlegen, ob's ein Herzinfarkt ist oder nicht. Damit sie nicht mehr so lange diagnostizieren müssen. Wenn drei Sachen zutreffen, gehen sie einfach davon aus, dass es ein Herzinfarkt ist und behandeln den entsprechend. So ist es auch ein bisschen bei uns.

Das Gespräch führte Johannes Löhr

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