Keine Lust auf Diktatur

München - Von den Regensburger Domspatzen ins Münchner Musikleben: Florian Helgath ist neuer Chef des Via-Nova-Chors.

Purer Luxus ist das. Ein halbes Jahr gab sich der Münchner Via-Nova-Chor Zeit, vier mögliche Chefs auszuprobieren - länger als die meisten Ensembles. "Kräftezehrend" sei das gewesen, sagt Florian Helgath. Doch die Kraft war gut investiert. Nach einer Art Ausscheidungskonzert wurde der 30-Jährige im Februar zum neuen Dirigenten gewählt. Und wieder gestattete man sich eine längere Arbeitsphase: Am kommenden Samstag dirigiert nun Helgath sein erstes Konzert als Chef in der Münchner Musikhochschule.

Im wuchernden Musikbiotop der Landeshauptstadt besetzt der 1972 gegründete Via-Nova-Chor eine besondere Nische. Vor allem die Moderne wird dank Ensemblegründer Kurt Suttner gepflegt, was Helgath auch gar nicht ändern will. Die Zusammenarbeit mit lokalen Komponisten etwa wird fortgesetzt. Und trotzdem sollen andere Akzente gesetzt werden: "Mir liegt schon auch die Alte Musik am Herzen." Im Herbst plant man daher ein Programm mit dem Titel "Lux aeterna", das sich unter anderem Heinrich Schütz zuwenden wird.

Wahrscheinlich liegt das an Helgaths Vorleben. Musikalisch sozialisiert wurde er nämlich bei den Regensburger Domspatzen, zu manchen Ex-Mitgliedern pflegt der Oberpfälzer noch heute enge Kontakte. Mit dem "Spitzwegquartett" zum Beispiel tritt er auf, das er lachend als "Muckenhaufen" tituliert - für diverse Auftritte bis zu Hochzeiten und Todesfällen offenbar ein gern gefragtes Männer-Kleeblatt.

Ursprünglich aber hatte sich Helgath für die Posaune interessiert ("noch immer meine Leidenschaft"), dann studierte er Schulmusik, bis er schließlich zur Chorleitung wechselte. Gerade erst hat er seine Münchner Meisterklasse bei Michael Gläser absolviert. Und schon mehrere renommierte Rundfunkchöre ließen sich von dem jungen Mann aus Bayern einstudieren. Ein Problem? "Die reagieren alle unheimlich professionell", berichtet Helgath. "Die Haltung dieser Chöre ist: Sag' uns, wie wir's machen sollen, egal ob du 18 oder 80 bist."

Doch nicht allein die Toleranz der Profis sorgt ja für ein gutes Ergebnis. Wer Helgath bei der Arbeit beobachtet, registriert einen ruhigen, freundlichen, ausgeglichen wirkenden, aber doch sehr bestimmten und genauen Dirigenten. "Ich bin streng, wenn's um die Musik geht", sagt Helgath. "Auf Diktatur habe ich aber keine Lust." Dass er noch am Anfang steht, dass er in jeder Probe dazulernt, ist ihm bewusst. "Ich halte mir ständig den Spiegel vor. Wenn Unruhe aufkommt, frage ich mich oft: Was hast du falsch gemacht?"

Mit seiner Frau und seinem dreieinhalbjährigen Sohn lebt Florian Helgath, der sich selbst ironisch als "Landei" bezeichnet, mittlerweile in München. Neben dem Via-Nova-Chor leitet er noch den hiesigen Don-Camillo-Chor, dessen ungewöhnlicher Name das Repertoire ein wenig verschleiert: Gesungen werden Gospels, Jazz und "bester Pop", wie es das Ensemble selbst formuliert. "Ich liebe eben die Vielseitigkeit", so Helgath - und wahrscheinlich auch den Ausgleich neben dem doch sehr intensiven Basteln an Avantgarde-Klängen.

Da der Via-Nova-Chor seinem Chef keine feste Stelle bieten kann, ist Helgath aufs Gastieren bei anderen Ensembles (noch) angewiesen. Doch wer den jungen Dirigenten erlebt hat, etwa vor kurzem bei seinem Hochschul-Abschlusskonzert mit dem Bach-Chor, der erkennt schnell: Sorgen muss man sich um die Karriere wirklich nicht.

Konzert am 19.7.

in der Münchner Musikhochschule. Aufgeführt werden Hölderlin- und Eichendorff-Vertonungen der Romantik und der Moderne; Tel. 0180/ 54 81 81 81.

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