Keine Lust auf Neckisches

- "Oft dreht es sich bei den Arien ja um Schäfer, Engelchen und andere liebliche, neckische Dinge." Genau darauf hatte sie keine Lust. Mit dem Dirigenten Christophe Rousset machte sich Véronique Gens daher auf eine Entdeckungsreise ins Land der Tragödinnen. Wo Lullys Armide den schlummernden Renaud durchbohren will, wo Rameaus Argélie "das Feuer, die Verzückung der Liebe" feiert. Und wo Glucks Clytemnestre "die Griechen zu Staub zermalmen" lassen möchte.

Ungekünstelte und intelligente Gestaltung

"Tragédiennes", die aktuelle CD von Véronique Gens, ist nun das Ergebnis. Und wer sie hört, der ahnt, dass die Französin mit der Münchner Staatsopern-Produktion "La Calisto", mit diesem schrillem Barock eher unterfordert ist. Zu erleben ist eine hochintelligente Sängerin, die keine äußerliche Leistungsschau bietet. Eine Sängerin, deren ungekünstelte, sehr flexible, manchmal herbe Tongebung wie eine direkte Fortsetzung der Sprechstimme wirkt. Eine Singschauspielerin also, die Text und Musik in ideale Symbiose bringt. Christophe Rousset und Les Talens Lyriques liefern dazu eine temperamentvolle, nie überpointierte orchestrale Grundlage.

Dass Véronique Gens als eine der Barockexpertinnen gehandelt wird, war nicht immer so. Die Wurzeln für diese Karriere liegen im Jahre 1986, als sie dem Dirigenten William Christie begegnete und Mitglied seines Ensembles Les Arts Florissants wurde. "Ich war auf dem Gebiet des Barock eine Jungfrau", sagt sie. "Es herrschte ungeheure Aufbruchstimmung, fast täglich wurden neue Werke entdeckt. Christie prägte mich entscheidend. Wenn ich meinen Mund öffnete, sagten sie Leute: Es klingt nach Christie."

Véronique Gens stammt aus Orléans, aus einer Familie von Pharmazeuten und Medizinern, und wagte anfangs an ein Leben als Künstlerin kaum zu denken. "Du gehst zur Uni, du lernst was Ordentliches", habe man ihr beschieden. Mit dem Berufsziel Dolmetscherin studierte sie in ihrer Heimatstadt und an der Pariser Sorbonne, sang aber nebenbei noch im Chor.

Als die Französin mit der Barockszene in Kontakt kam und irgendwann ihren Eltern eröffnete, sie wolle nun Berufssängerin werden, löste das einen Schock aus. "Immerhin hat sich diese Haltung jetzt geändert. Meine Mutter ist nur noch besorgt, weil ich dauernd weg bin. Aber ich verstehe sie. Wenn meine Tochter mir heute dasselbe ankündigen würde, wäre ich auch entsetzt."

Durch die spezielle "Grammatik" der Barockmusik habe sie sich anfangs wie in einem Korsett gefühlt, gesteht Véronique Gens. Mozart habe dagegen sofort zur Stimme gepasst. "Für mich bedeutet er eine Art Freiheit, ich musste bei Mozart nie viel nachdenken. Außerdem ist er ein Barometer für die Stimme. Wenn man Mozart nicht schafft, ist irgendwas faul."

Die Fähigkeit zur Selbstkritik hat sich Véronique Gens erhalten, von Applaus und guten Artikeln lässt sie sich nicht blenden. Noch immer arbeitet sie mit einem Gesangslehrer ("Keiner hört schließlich seine Stimme von außen"), und über manche ihrer CDs oder Operneinsätze äußert sie sich geradezu schonungslos. Sie weiß auch, dass sich die Stimme vom Sopran zum Mezzo bewegt. Mozarts "Figaro"-Gräfin sei daher eher ein Experiment gewesen. Ein "Biest" wie die "Titus"-Vitellia mache ihr ohnehin mehr Spaß.

München wird von der Kunst der Gens vorerst wenig mitbekommen, einzig "La Calisto" läuft weiter. Für den geplatzten "Don Giovanni" in der Regie Dieter Dorns war sie im Gespräch. Und französischer Barock, ihre Domäne, ist hier nicht gefragt.

Erst sprechen, dann singen

Warum gerade französische Musik ihr Kernrepertoire bildet, hat mit der Muttersprache zu tun. Deshalb hat sich Véronique Gens _ obwohl es zweifellos zu spannenden Deutungen führen könnte _ noch nicht ans deutsche Lied getraut. Zentrale Bedeutung hat für sie der Text. In diesem Zusammenhang betont sie, dass Barock bei britischer und französischer Musik zwei völlig verschiedene Dinge bezeichne: "Das Wort, der Wortklang, die Deklamation, all das spielt im französischen Stil eine viel wichtigere Rolle. Die Worte haben eine größere theatrale Qualität. Erst spreche ich sie, dann spiele ich sie, dann erst singe ich sie."

Und was sagt eigentlich der Nachwuchs zur Berufung der Mama? "Es gab eine Zeit, da weinte meine Tochter jedes Mal, wenn ich den Mund öffnete. Das wurde dann besser", erzählt Véronique Gens lachend. "Mein Sohn ist da anders. Dem steht der Mund offen, und dann fragt er manchmal: Mama, bist du's?"

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