Keine Papageien

- Bei Hans Sachs denkt man fast automatisch an ihn: Bernd Weikl prägte die Rolle des Schusters in Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" wie nur wenige andere Kollegen. Jetzt wechselte der Opernstar auf die andere Seite des Orchestergrabens und inszeniert sein Leib- und Magenstück selbst. Am 14. September hat die Produktion Premiere am Nationaltheater in Tokio. Dabei kommt es zu einem interessanten wie pikanten Zusammentreffen: Fast zeitgleich sind in der japanischen Hauptstadt nämlich die Münchner "Meistersinger" zu sehen, für ihr Japan-Gastspiel hat die Bayerische Staatsoper unter anderem die Inszenierung von Thomas Langhoff "eingepackt".

Sind Sie jetzt die japanische Konkurrenz zur Münchner Version?

Weikl: Nein. Als ich den Vertrag abgeschlossen und mich vorbereitet habe, wusste man noch nicht von den Münchnern. Ich finde diese Parallelität nicht schlimm, in Berlin existierten sogar drei verschiedene "Meistersinger" gleichzeitig.

Gibt es für Sie ungewohnte Probenbedingungen in Tokio?

Weikl: Wir haben das hier in drei Wochen quasi aus dem Boden gestampft. Vorher hatte ich eine Art Drehbuch geschrieben und das nach Japan geschickt. Außerdem habe ich einen tollen Regieassistenten aus Nürnberg, einen fantastischen Chor, ein hervorragendes Orchester und wunderbare Sänger: Peter Weber als Sachs, Anja Harteros als Eva, Hans Tschammer als Pogner, Richard Brunner als Stolzing und Martin Gantner, der von hier aus als Beckmesser eine Weltkarriere starten wird.

Ein Sänger inszeniert: Können Sie nun endlich das verwirklichen, was Sie immer wollten? Bernd Weikl schlägt zurück?

Weikl: Also darauf kam es mir nicht an. Auch wenn ich manchmal in eine bestimmte Ecke gestellt werde: Ich möchte einfach, dass das Publikum mitbekommt, was genau auf der Bühne los ist. Die Leute müssen erreicht werden. Es muss von der A- auf die B- oder meinetwegen C-Ebene kommuniziert werden. Für eine Y-Ebene reicht ein Abend nicht. Ich hatte mal eine Wohnung unweit des Picasso-Museums in Paris. Und gern habe ich die Leute beobachtet, wie sie staunend vor den Werken standen. Aber mal ehrlich: Haben sie's auch kapiert?

Wo und wann spielen also Ihre "Meistersinger"?

Weikl: Wir decken Wagners Zeit und die von Hans Sachs ab. Und am Ende zeigen wir eine utopische Situation, die ich noch nicht verrate und die wohl Utopie bleiben wird. Dafür bin ich zu sehr Pessimist.

Warum so pessimistisch?

Weikl: Ich habe viele Jahre lang geglaubt, dass über die Kunst die Welt verbessert werden kann. Dieser Glaube ist mir ein bisserl abhanden gekommen. Wenn unsere Konzertsäle und Opernhäuser immer leerer werden, dann liegt das doch auch daran, dass bei der Kindererziehung und in den Schulen zu viel verschlafen wurde. Demokratie ist die schönste Staatsform, wenn sie funktioniert. Aber dann müssen nicht nur die Politiker funktionieren, sondern auch das Volk. Dafür wiederum braucht es Bildung, vor allem emotionale Bildung. Und die kommt nur über die Künste.

In den letzten Jahren haben viele Inszenierungen Beckmesser rehabilitiert. Beim Schlussjubel ist er oft wieder dabei. Sie sehen ihn negativer?

Weikl: Beckmesser ist für mich keine Karikatur, sondern eine Art stets verneinender Geist. Einer, der manipuliert. Da halte ich es mit Walter Jens: Beckmesser kennt nur die Regeln, nicht die Kunst. Stolzing kennt nur Natur, nicht die Regeln. Und Sachs ist der Katalysator. Keinesfalls ist Beckmesser Teil des Schlussjubels. Er ist das Element, das Reformen verhindert. Und so etwas finden Sie auch in Wirtschaft und Politik, wenn Sie sich mal die deutsche Situation anschauen.

Peter Konwitschny hat in Hamburg den Schlussmonolog des Sachs unterbrochen und eine Debatte über Deutschtümelei hineininszeniert. Hätten Sie das als Sachs geduldet?

Weikl: Ich wurde gefragt, ob ich mal einspringe. Doch so etwas mache ich nicht. Natürlich gibt es Diskussionen, ob das Stück antisemitisch oder ausländerfeindlich ist. Aber man muss den Hintergrund der Gründerzeit bedenken. Napoleon wurde gerade aus Deutschland hinausgeworfen, endlich war man nicht mehr von der Fremdherrschaft unterjocht, da hat sich ganz selbstverständlich ein Nationalismus herausgebildet. Aber der ist doch nicht identisch mit einem Nationalsozialismus!

Welche Rolle spielt der Aufführungsort? Würden Sie die "Meistersinger" für München oder Nürnberg anders als für Tokio inszenieren?

Weikl: Ich würde das in München oder Nürnberg nicht anders machen. Und deshalb werde ich dort ja auch nicht engagiert.

Und wenn Sie Ihren Sachs-Sänger auf der Bühne erleben: Juckt es Sie da?

Weikl: Dann dürfte ich ja nie in ein Konzert oder in die Oper gehen. Ich habe überhaupt kein Problem damit. Ich möchte ja, dass die Sänger ihre eigene Persönlichkeit einbringen und nicht nur als Papageien herumlaufen. Nur lauter Weikls auf der Bühne, das wäre ja furchtbar (lacht).

Das Gespräch führte Markus Thiel

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