Wo keine Reibung, da keine Funken

München - Oper - das ist nun doch ein allzu anspruchsvolles Etikett für das hübsch verpackte, märchenhafte Etwas, das am Samstagabend im Münchner Gärtnerplatztheater Premiere hatte: "La belle et la bête" - "Die Schöne und das Biest".

Das Gros des Publikums ließ sich von der rührenden Geschichte der Schönen, die das Biest erlöst, hinweg tragen und schwamm auf Philip Glass' zumeist sanften Klängen dem Happy End entgegen, das mit Applaus und Bravorufen einen Premierenerfolg signalisierte. Nur ein sattes Buh störte die Harmonie und rückte für manchen gelangweilten Zuschauer die (Opern-)Welt wieder zurecht. Denn das ganze Unternehmen wirkte doch arg abgestanden.

Kein Zweifel, der gleichnamige Film von Jean Cocteau (mit Jean Marais als Biest) aus dem Jahr 1946 hat seine eigene Poesie, seinen nostalgischen Reiz. Dem verfiel wohl auch Amerikas Erfolgskomponist Philip Glass, der 1994 eine Oper zum Film komponierte. Er unterlegte Cocteaus Bilder mit einer für Sänger, Bläser und Synthesizer geschriebenen Musik, die er später orchestral etwas erweiterte.

Letztere Fassung mit deutschen Texten von Bernhard Helmich und Daniel Kleiner tönte nun unter David Stahls Leitung in einem nahezu ununterbrochenen Fluss meist wohlig aus dem Orchestergraben und wirkte dennoch ziemlich beliebig. Aus Glass' minimalistischen Repetitionen, den winzigen Veränderungen und rhythmischen Strukturierungen erwächst wenig dramaturgische Spannung.

Musikalische Stimmung und kaum Entwicklung - das mag den Film ausreichend "untermalen". Ein Knistern zwischen Graben und Bühne schürte es jetzt im Gärtnerplatztheater nicht, obwohl Stahl jede mögliche Steigerung intensivierte. Aber: Wo keine Reibung, da keine Funken. Dem offenbar von Debussy inspirierten permanenten Fließen der Musik passte Regisseurin Rosamund Gilmore die Dauerbewegung der Drehbühne an, die allerorten gerade sehr "in" zu sein scheint. Bühnen- und Kostümbildner Friedrich Oberle bestückte die Drehscheibe mit wenigen, teils surreal verzerrten Objekten wie einem schrägen Tisch-Torso, einem Krankenhaus-Hochbett oder aber einer realistischen Nähmaschine und einer alten "Ente" (Citroen), auf der Hühner pickten. Schmale stilisierte Wohntürme, die teils dachüber aus dem Schnürboden hängen, wippen über der Szene, während der Hintergrund stimmungsvoll aufleuchtet.

Die klare, schnörkellose, reduzierte Szenerie entwickelt zusammen mit der Farbigkeit und den dezent an die Vierzigerjahre erinnernden hübschen Kostüme eine eigene stimmige Ästhetik fernab vom Film.

Die vom Tanztheater kommende Rosamund Gilmore versuchte, mit betonter Körperlichkeit und individuell stilisierten Bewegungen der sich bereitwillig einlassenden Sänger das Bühnengeschehen in den Griff zu bekommen. Sie lässt einen Bewegungs-chor - nur per Programmheft identifizierbar als Feen und Kobolde - nicht nur instrumentale Zwischenspiele, sondern viele Szenen überflüssig "beleben". Leider treibt sie die kleine Truppe dabei in oft nur die Musik doppelndes Gehopse. Das nervt und langweilt.

Für die Sänger erschöpft sich die musikalische Herausforderung in exakten Einsätzen ihres Dauer-Parlandos, das ihnen keine ariosen Aufschwünge gönnt und darüber hinaus nicht immer textverständlich ist. Immerhin gelingt es Ann-Katrin Naidu als La Belle, das Mitleid der Schönen, ihre Liebe zum Vater (Holger Ohlmann) wie zum Biest glaubhaft und anrührend zu gestalten. Julian Kumpusch bürdet die Regisseurin gleich drei Rollen auf: Er ist das traurige, hinter den Zähnen einer Tier-Maske wie in einem Käfig gefangene Biest, das von La Belle zum Prinzen erlöst wird. Zugleich schlüpft er in die Rolle des Avenant, der als Freund des Bruders die Schöne schon immer umwarb. Eine Deutung, die auf einer symbolischen Ebene vielleicht Sinn macht, hier aber nicht plausibel eingelöst wurde. Zum Glück braucht la Bête/ das Biest nur 90 Minuten, um ein Prinz zu werden.

Nächste Vorstellungen: 14., 22. 1. sowie 9. 2.

Die Handlung

Die Schöne wird von ihren Schwestern Félicie und Adelaide zu niederen Diensten ausgenützt. Als der Vater zu einer Reise aufbricht, wünschen sich die Schwestern Geschenke, La Belle nur eine Rose. Der Vater gerät, als er die Blume pflückt, in die Gewalt des Biests, das ihn nur gegen eine Tochter freilassen will. Die Schöne opfert sich. . .

Die Besetzung

Dirigent: David Stahl. Regie: Rosamund Gilmore. Ausstattung: Friedrich Oberle. Darsteller: Ann-Katrin Naidu (La Belle), Julian Kumpusch (La Bête, Avenant, Prinz), Holger Ohlmann (Vater), Therese Wincent (Felice), Stefanie Kunschke (Adelaide), Daniel Fiolka (Ludovic); sowie Christian Hübner und Miklos Sebestyen.

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