Keine Schlafmützen

- Über grünlichen Augen ragt eine rote Zipfelmütze in die Höhe. In einem Anflug von Selbstironie bestimmten die drei Gruppen der zum 55. Mal im Haus der Kunst veranstalteten "Großen Münchner" dieses Bild des in Bad Windsheim lebenden Malers Gerhard Rießbeck zum werbenden Motiv ihres Plakats und Katalogdeckels. Gemeint ist der deutsche Michel, der Inbegriff von Einfalt und gutmütiger Schwerfälligkeit. Als Gartenzwerg erhielt er seinen dauerhaften Platz in der Idylle, fernab von jeder aufrüttelnden Ironie.

<P>Regine von Chossy - im Vorjahr installierte sie ein "Haarmuseum" - setzt dieses Motiv am Fuß einer Treppe fort mit ihren 25 rot gefärbten, gipsernen "Guglmanderln". Auch hier ist es nicht die phrygische Amazonenmütze der Jakobiner, der sich radikalisierenden französischen Revolutionäre von 1789 (mit überhängendem Beutel), wie sie heute noch die Symbolfigur der "Marianne" zu tragen pflegt, sondern ein Kapuzenspaß. </P><P>In der Ausschreibung zu dieser Jahresschau hieß es im November 2002: "Das Thema der Ausstellung ist ,ROT im weitesten Sinne." Ausgewählt wurden - auf Grund eingesandter Reproduktionen - insgesamt 320 Beiträge von 253 Urhebern. Beworben hatten sich 1200 "aus ganz Deutschland und den Nachbarländern".<BR><BR>"Künstler sehen Rot" lautet das offizielle Motto. Das ist keineswegs politisch gemeint. Bei manchen Malereien erstreckt sich das ganz und gar unverfängliche Rot über die gesamte Fläche, gleichmäßig verstrichen oder auch unruhig in der Handhabung. Bei manchen ist es gegenständlich gebunden. In einem von Max Pfaller penibel aquarellierten Wiesenstück liegt ein roter Ball, auch sein Blick auf ein rot lackiertes älteres Cabrio ist neueren Datums. </P><P>In Dieter Kraemers französischem Bistro sind nicht nur der Wein, die Zigarettenschachtel und die Schuhe einer ansonsten Unsichtbaren rot, sondern auch die Bierreklame an der Wand. Helmut Kästl hält sein mit Cadmium und gebrannter Siena (im charakteristischen Blau) düster aufsteigendes "Flammenzeichen" als Entwurf für ein frommes Fenster in Bereitschaft. </P><P>Sogar A. R. Penck beteiligte sich diesmal mit einem seiner Strichmännchen-Bilder und Gerhard Richter, der teure Kollege von der Hitliste, mit seinem schönen Bekenntnis zu Schwarz-Rot-Gold (Kunstharz auf Glas). Einigen namhaften Kollegen gelang es, sich diesem Rot-Gebot zu entziehen: Roland Helmer mit einem gelb-grünen Streifenmuster, Malte Sartorius mit zwei schwarzweißen Radierungen, Günther Filus mit dem Litho einer "Wartenden" und andere, die das verlangte Rot zur Such-Aufgabe machten. <BR><BR>Den einstigen "Ehrensaal" der jährlichen Eröffnungen durch Hitler hielt Elisabeth Mehrl, die derzeitige Präsidentin der Ausstellungsleitung, frei für meist winzige Beiträge von Minimalisten und Konzeptualisten. Sie beschäftigten sich kaum inhaltlich mit der Geschichte dieser Stätte, sondern nur angeblich formal: als Widerspruch zur vorhandenen Monumentalität. - Der neue künstlerische Leiter des Hauses, der Flame Chris Dercon, will alle späteren Einbauten entfernen und den originalen Rotmarmor freilegen lassen. </P><P>Bis 1. Juni täglich 10-22 Uhr, Katalog 15 Euro; Tel. 089/ 22 26 55.<BR><BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Wie andere könnte man sich über die Operette lustig machen. Oder man nimmt den „Tapferen Soldaten“ so ernst wie Peter Konwitschny bei seinem späten Debüt am …
Peter Konwitschny inszeniert Straus: Mit den Waffen der Operette
Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Popstar Shakira hat am Sonntagabend in der ausverkauften Olympiahalle die Massen zum Ausflippen gebracht. Die Kritik:
Waka waka: Shakira bringt die Olyhalle zum Ausflippen
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Er hat es wieder getan: Andreas Gabalier hat zum dritten Mal in Folge das ausverkaufte Olympiastadion gerockt. Lesen Sie hier unsere Konzertkritik vom Samstagabend.
Andreas Gabalier im Olystadion: Volks-Rock-Party vor vollem Haus
Tiefe Trauer um den „Guttei“
Nicht nur in der Gemeinde Neubeuern sitzt der Schock tief: Der Chorleiter und begeisterte Dirigent Enoch zu Guttenberg ist im Alter von 71 Jahren gestorben. Lesen Sie …
Tiefe Trauer um den „Guttei“

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.