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Ihre natürliche Anmut spricht jeden an: Polina Semionova in einem der Ionischen Säle des Nationaltheaters.

„Keine Solisten ohne Gruppe“

München - Aus jedem ihrer Worte strahlt Verehrung für den Tanz: Star-Ballerina Polina Semionova gastiert im „Nussknacker“.

Ballett-Märchen in der (Vor-)Weihnachtszeit, das hat weltweit Tradition. Glück fürs Bayerische Staatsballett, dass es mit John Neumeiers leicht modernisierter Fassung von Tschaikowskys „Nussknacker“ von1971 (nach Petipa/Iwanow von 1882) das stimmigste Weihnachts-Tanzmärchen überhaupt im Repertoire hat: Im Traum wird die kleine Marie nicht ins Reich der Zuckerfee entführt, sondern in die malerisch ästhetische Welt des Balletts, in der ihre Schwester Louise die Primaballerina ist. Glück fürs Münchner Publikum, so viel wagt man vorab zu behaupten, dass Polina Semionova hier dreimal die Louise tanzen wird.

Der Intendant des Berliner Staatsballetts, Vladimir Malakhov, hatte ein gutes Auge, als er 2002 die 18-jährige Moskauer Ballettakademie-Absolventin – hochgewachsen, feine Gesichtszüge – engagierte. Gleich als Solistin. Sie wurde seine Star-Ballerina, war Malakhovs Partnerin auf seinen traditionellen Japan-Tourneen. Und tanzte in diesen zehn Jahren viele große Rollen zwischen Klassik und dramatischer Neoklassik, von „Bayadère“ bis zu John Crankos „Onegin“-Tatjana.

Im vergangenen September wechselte sie ans renommierte New Yorker American Ballet Theatre (ABT). Ein Schock, ein Verlust für Berlin. „Es war Zeit für einen Wechsel. Künstler müssen sich weiterentwickeln. Und mein Herz und mein Kopf sind immer offen für Neues“, sagt sie in ihrem russisch-bildhaften Deutsch. „,Nussknacker‘ ist mein erster Neumeier. Bei ihm geht es nicht nur um Technik, Schritte, Pas de deux. Nein, alle Bewegung hat bei ihm eine Bedeutung. Natürlich gibt es in diesem Märchen kein großes Drama. Trotzdem, gleich welches Ballett Neumeiers das ist: Stil. Es war immer mein Traum, mit ihm zu arbeiten.“

Wie sie von Neumeier spricht, wie viel Achtung sie Kollegen entgegenbringt, geht über die bei Tänzern so wohlbekannte und ja durchaus verständliche Besessenheit hinaus. Semionova strahlt mit jedem ihrer Worte eine Art Verehrung für den Tanz aus – in dem sie sich nicht als Zentrum sieht. „Es gibt keine Solisten, es gibt kein Ballett, keine Compagnie ohne Gruppentänzer“, sagt sie voller Respekt. „Es ist ja auch durchaus nicht so, dass nur vom Solisten Gefühl und Interpretation erwartet wird. Wenn das Ensemble mit Gefühl tanzt, dann spürt das Publikum das auch... Als Tänzerin empfinde ich die Energie der Gruppe immer als Unterstützung, als Kraftquelle für mich selbst.“

Und was erwartet sie von ihren Partnern? Bisher hat sie vorwiegend mit großen Stars getanzt, neben Malakhov mit Roberto Bolle von der Mailänder Scala, José Manuel Carreno vom ABT, Mathieu Ganio vom Ballett der Pariser Oper und Igor Zelensky vom St. Petersburger Mariinsky Ballett. Semionova, immer sehr behutam in ihren Aussagen: „Es kann schon passieren, dass zwischen zwei Tanzpartnern nicht immer alles perfekt funktioniert. Wichtig ist vor allem, einander zu ,hören‘ und zu fühlen. Für mich ist es interessant, eine Rolle immer wieder mit neuen Partnern zu tanzen, weil ich dann für diese Rolle wieder ganz andere Facetten finden kann.“

Dazu hat sie jetzt jede Menge Gelegenheit. Im ABT warten auf sie Kenneth MacMillans „Romeo und Julia“, Balanchines „Symphony in C“ und ein neues Ballett zu Schostakowitschs neunter Symphonie von ABT-Hauschoreograph Alexei Ratmansky. Und neben München, wo man sie im März 2013 in „La Bayadère“ sehen wird, hat sie auch noch Gastverträge an der Dresdener Semperoper und im Ballett des St. Petersburger Michailowsky-Theaters.

Dramatische Ballette, wo sie spielen kann, sind ihr die liebsten. Aber sie tanzt alles gerne, auch moderne Stücke. Mit einer neoklassisch-modernen Choreographie in Herbert Grönemeyers Musikvideo „Demo (Letzter Tag)“ – anzuschauen auf Youtube – wurde sie übrigens auch einem Nicht-Ballettpublikum bekannt. Ihre natürliche Anmut spricht jeden an. Und auch technisch ist sie hervorragend, die höllischen „fouettés“ inklusive.

Wie schafft ihr langgliedriger Körper das, der nicht die stählerne, eher eine lyrische Ballerina vermuten lässt? „Üben, üben“, sagt sie, „und immer auch analysieren, warum es jetzt geklappt hat oder eben nicht.“ Trainieren mit Disziplin und Kopf, das hat sie schon an der Bolschoi-Akademie gelernt. Eigentlich noch früher, dank musisch engagierter Eltern. „Meine Schwester ging in die Musikschule, ist ausgebildete Pianistin. Mein Bruder und ich haben schon mit drei Jahren mit Eiskunstlauf angefangen. Er ist auch Tänzer geworden.“ Kinder will sie später auch einmal. Verheiratet ist sie schon, mit einem türkischen Tänzer, der im Staatsballett Berlin engagiert ist. Da muss also oft gependelt werden? „Wir planen gut“, lässt sie wieder ein Sonnenlächeln in den großen dunklen Augen aufleuchten. „Und zwischen meinen Verpflichtungen bin ich ja zuhause, da habe ich für alles Zeit.“

Malve Gradinger

Vorstellungen:

„Nussknacker“ im Münchner Nationaltheater mit Polina Semionova am 7., 9. und 13. 12.; Tel. 089/ 2185-1920

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