Keine Sorge, ich werd' Dirigent - Wolfgang Sawallisch wird 85

München - "Ein schöneres Fleckerl Erde? Ich kann's mir fast nicht vorstellen." Wolfgang Sawallisch blickt auf sein Grundstück und auf die Berge hinter Grassau. Die Münchner Wohnung hat er schon vor einigen Jahren aufgegeben, jetzt genießt er das Ruhestandsleben im Chiemgau, wo er schon lange ein Haus besitzt.

Dem Beruf trauere er nicht mehr nach, wie er stets versichert. Den Fans freilich ergeht es anders: Kein anderer Dirigent hat die Bayerische Staatsoper so geprägt. Und wer "Tristan", "Figaro" oder "Frau ohne Schatten" unter ihm gehört hat, der tut sich schon arg schwer mit den Kollegen. Heute feiert Sawallisch, dieser große, bescheidene, sympathische Künstler, seinen 85. Geburtstag.

In einem Interview zum 80. Geburtstag sagten Sie, künftig wollten Sie mehr lesen. Und zwar die Partituren der 104 Haydn-Symphonien. Sind Sie schon durch?

Nein. Bei 104 ist das ja auch kein Wunder. Ich hab' mir inzwischen ein bisserl Zeit weggenommen vom Lesen und sie verwendet für die Praxis. Ich spiele Haydn-Sonaten. Hinreißende Sachen. Ein langsamer Satz ist dabei, den spiele ich jeden Tag. Weil ich mir immer denke, es müsse noch ein Takt dabei sein, der noch schöner ist, als ich es mir bislang vorstellen konnte. Wunderbar, wenn einem so was am Ende seines Berufslebens noch passiert.

Am Anfang wollten Sie ja Konzertpianist werden. Was gab den Ausschlag für die Dirigentenlaufbahn?

Ein entscheidendes Erlebnis. Meine Eltern hatten ein Abonnement in der Bayerischen Staatsoper. Und wohin schickt ein braves Elternpaar sein Kind beim ersten Opernbesuch? In "Hänsel und Gretel". Da habe ich erstmals das Orchester erlebt, vor allem diesen Menschen, der da im Graben steht und den ganzen Apparat im Griff hat. Anscheinend war er notwendig (lacht). Das hat mich beeindruckt: dass man vom starren Klavierklang weg- und mit Hilfe eines Orchesters ganz andere Farben erzeugen kann. Für die Wiedergabe meiner musikalischen Gedanken und Empfindungen reichte mir das Klavier nicht mehr aus. Da sagte ich zu meinen Eltern: Ich geb's auf. Macht euch aber keine Sorgen, ich werd' Dirigent.

Was faszinierte Sie demnach am Beruf?

Ich wollte kein Herrscher sein, sondern auf praktische Weise das Repertoire kennenlernen. Als Primus inter pares. Ich hatte immer das Glück, dass ich meine Fehler erkannt habe. Ich sagte also nicht zum Orchester: Ihr spielt zu schnell oder zu leise. Vielmehr habe ich versucht, dies mit meiner Körpersprache rüberzubringen. Welche Erfüllung war das dann, ein Spitzenorchester wie das Münchner zu leiten!

Ihr Karrierestart war, vom Klavier bis zur Tätigkeit als Korrepetitor, sehr praxisorientiert. Würden Sie das jedem jungen Kollegen raten?

Zum ganz großen Teil ja. Als ich musikalischer Leiter der Kölner Oper war, habe ich an der dortigen Hochschule Dirigenten ausgebildet. Da habe ich eines früh gemerkt: Dirigieren kann man nicht lehren. Man kann lernen und seinen eigenen Stil entwickeln. Ich habe meinen Schülern immer gesagt: Besucht Proben und Konzerte! Vermeidet die Schallplatte! Schaut euch die Praxis an, wie ein Musiker auf den Dirigenten reagiert! Was müsst ihr tun oder lassen, damit das Orchester so schnell wie möglich eure Intentionen umsetzt?

Wie hat sich der Beruf des Dirigenten verändert? Muss man nun anderes, außermusikalisches Rüstzeug mitbringen?

Der Beruf hat durch eine Persönlichkeit eine ganz andere Richtung genommen. Durch Herbert von Karajan. Einer der genialsten Musiker überhaupt. Und ein brillanter Spieler auf der Klaviatur der Technik und der Medien. Wie er sein Können vermarktet hat, war revolutionär.

Ein rein positives Phänomen?

Absolut. Was der Mann geleistet hat, ohne dass man eigentlich gemerkt hat, welche musikalische Vorbereitung hinter seinen Dirigaten stand, war unglaublich. Diese Möglichkeit der Mitteilung, quasi die Vergrößerung des Berufs, ist das Entscheidende. Er hat Abertausende für die Musik begeistert. Die Öffnung der Musik war auch ein Ergebnis der enormen Verbesserung der technischen Hilfsmittel. Die Geschichte hätte völlig anders ausgesehen, wenn es bei Bruno Walter oder Gustav Mahler schon diese Möglichkeiten gegeben hätte.

Aber durch die immer extremere Vermarktung werden auch immer mehr kurzlebige Künstler-Existenzen produziert.

Alles wird beschleunigt. Die Gefahr, dass die Zeit des Reifens zu kurz kommt, besteht schon. Nehmen Sie einen Pianisten wie Lang Lang. Die enorme Begabung hat er zweifellos. Aber dass er innerhalb von Monaten weltweit bekannt wurde, dass er jetzt schon abgestempelt wird als einer der größten Virtuosen überhaupt, ist ein modernes Phänomen. Es gibt ja diese Sendung "Deutschland sucht den Superstar". Jedes Jahr werden da neue Stars ausgerufen. Wer da alles ein Mikrofon überhaupt in die Hand nehmen darf, ist ja eine Schande.

Also sind Sie eher pessimistisch?

Ich nehm's auch von der positiven Seite. Bei einem großen Teil des Publikums wird sich das Gefühl für wirkliche Qualität so besser durchsetzen. Einfach durch das große Angebot. Da sagt man doch viel schneller: Geht's mir weg mit dem ganzen Schmarrn.

Zu Ihrer Münchner Zeit war es möglich, eine "Così fan tutte" aus dem Ensemble zu besetzen. Heute müssen Opernhäuser immer häufiger Stars bieten. Eine bedenkliche Entwicklung?

Ja. Es ist für viele unmöglich und unlukrativ geworden, sich mittelfristig an ein Ensemble zu binden. Wenn ich heute eine Aufnahme höre mit Stimmen, über die wir damals verfügten, dann sind das Sänger, die man heute mit dem Fernglas suchen muss.

Sind Sie also froh, dass Sie zu Ihrer Zeit Karriere gemacht haben?

Irgendwie schon. Was sich in den letzten 50 Jahren alles in den Theatern entwickelt hat, vor allem bei der Regie! Dies alles wirft eben auch Schatten. Ich weiß nicht, was ein "Parsifal" mit dem Gang durch die deutsche Geschichte zu tun haben soll. Die Leute sagen dann über so etwas: Das ist interessant. Weil sie sich nicht entscheiden können oder gar nicht wissen, ob's gut oder schlecht ist.

Den Beruf würden Sie aber immer wieder wählen.

Zweifellos ja. Weil es einfach ein schöner Beruf ist. Aber heute, und jetzt sag' ich was Furchtbares, würde ich ihn mehr für mich ergreifen wollen, für mein persönliches Divertissement jenseits aller Verantwortlichkeiten dem Publikum oder dem Apparat gegenüber. Es ist einfach ein wunderschönes Gefühl, mit dem Publikum zwei Stunden der Freude zu erleben.

Was hat Sie belastet?

Primitiv gesagt: Als Theaterleiter müssen Sie dauernd daran denken, wie viel Geld alles kostet. Ich weiß also nicht, ob ich heute mit derselben Unbefangenheit ans Pult könnte.

Die Bayerische Staatsoper steht wieder vor einem großen Einschnitt. Ist es noch Ihr Kind?

Auch dort ist der schnellere Wettlauf mit der Zeit zu spüren. Was früher länger gültig war, ist heute schneller wieder weg, weil die Sucht nach neuen Darbietungen größer geworden ist. Die Bayerische Staatsoper wird immer, schon aufgrund ihrer Geschichte, zu den führenden Opernhäusern gehören. Und was die langfristig wirkenden Kräfte dieses Hauses betrifft, etwa die bestimmenden Komponisten wie Wagner, Strauss oder Mozart, da wird das Haus nicht umzubringen sein. Auch wenn man damit neue Publikumsschichten entdeckte: Die zwingende Notwendigkeit von Händel, so was schien mir manchmal etwas weit hergeholt gewesen zu sein.

Und was sagen Sie zur Entwicklung in Bayreuth?

Ich verfolge das alles sehr genau. Ich habe in meiner Bibliothek eine "Rienzi"-Partitur, die ich zusammen mit Wieland Wagner für eine eventuelle Aufführung in Bayreuth eingerichtet habe. Meine dortigen Jahre mit ihm haben mich sehr geprägt. Bayreuth sollte schon weiter eine Familienangelegenheit bleiben. Nur manchmal geht man mir etwas zu päpstlich mit dem Komponisten um. Warum sollte der nicht auch kleine Uminstrumentierungen vertragen?

Bitte?

Na, es gibt da eine Stelle in der Ouvertüre zum "Tannhäuser" (summt). Das mit Saxophonen gespielt, klänge gar nicht schlecht. Und wissen Sie was: Keiner würd's merken (lacht).

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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