Keine Verschmelzung

- Eine bestechende Idee, schon seit knapp hundert Jahren immer wieder und mit unterschiedlichem Erfolg realisiert: die beiden großen Musikidiome zu einem zu verschmelzen, die "ernste" Musik und die Energieausschüttungen des Jazz. Unter dem Titel "Scandinavian Sounds" lockte der Chor des Bayerischen Rundfunks ins Münchner Prinzregententheater, dem Grenzgang beizuwohnen. Das gut gefüllte Haus zeugte davon, dass an solchen alchimistischen Experimenten durchaus Interesse besteht.

<P>Gold indes entstand nicht. Daran konnten weder der (nach minimalen rhythmischen Unsicherheiten am Anfang) gewohnt souveräne BR-Chor, noch wunderbar klar singende Solisten (Jeanette Köhn, Olle Persson), noch die brillante hr-Big-Band unter der engagierten Leitung von Gustav Sjökvist etwas ändern: Zu dünn das Gebräu, das der schwedische Komponist Nils Lindberg angesetzt hatte, als dass es zu nennenswerten chemischen Reaktionen hätte kommen können. </P><P>Tatsächlich standen die beiden musikalischen Welten beziehungslos nebeneinander: spätromantischer Chorpart, gelegentlich gebrauchsmodern mit Dissonanzen geschärft, auf der einen, improvisatorische Entäußerungen und aggressiv-aufputschender Bigband-Sound auf der anderen Seite. Enttäuschend nichts sagend insbesondere in einem der ernstesten, sehr bedeutungsschwangeren Texte des Abendlandes, dem lateinischen Requiem: Lateinamerikanische Rhythmen und der Einsatz von Rumba-Rasseln mischten dem Text der Totenmesse Nuancen des Banalen bei, ohne dadurch neue Sinnschichten zu erschließen, pathosschwere Tamtam-Schläge und Choralanklänge sorgten für Schlagseite zum Süßlich-Religiösen. </P><P>Am überzeugendsten war der Abend, als die Big Band unter sich sein durfte: In Bengt Hallbergs "Episodes Ducaux", einer Hommage an Duke Ellington , bekam man am ehesten eine Ahnung davon, was die Faszination von Jazz ausmachen kann: Freiheit und Vitalität.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker setzen ihren Bruckner-Zyklus mit der Achten fort. Eine Enttäuschung.
Gergiev und die Münchner Philharmoniker: Warum Bruckner?
Christine Nöstlinger ist gestorben
Die österreichische Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Dies bestätigte am Freitag der Residenz-Verlag in Wien. 
Christine Nöstlinger ist gestorben
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Das ist auch eine kulturpolitische Entscheidung mit Blick auf den Konzertsaal: Mariss Jansons bleibt seinem Orchester ungewöhnlich lang erhalten.
Lebensprojekt München: Mariss Jansons bleibt bis 2024
Earth, Wind & Fire auf dem Tollwood: Im Boogie-Wunderland
Earth, Wind & Fire haben bei ihrem Konzert in der Toolwood-Arena eine mitreißende Show geliefert. Disco kann so einfach sein, findet unser Redakteur - eine Nachtkritik.
Earth, Wind & Fire auf dem Tollwood: Im Boogie-Wunderland

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.