Nur keine Zwölfton-Carmen

- Gleich die Entwarnung: Hamburgs Staatsoper meldete keine Buh-Orkane, keine erbosten Galerie-Rufe, die den Regisseur während laufender Vorstellung beschimpften. Es gab nicht einmal den von Peter Konwitschny gerne platzierten Coup, die provokative Flegelei.

<P>Nur einmal griff das Parkett ins Geschehen ein: Nach der Ermordung Dr. Schöns erhob sich ein fingiertes Seniorenpaar ("übles Regietheater"), eilte motzend auf die Bühne, um von der auf einen Zwischenvorhang projizierten Garderobendame die Mäntel zu holen.  Der Mann griff aus dem Überzieher ein riesiges Messer, die Frau musste dran glauben, bis das Geschehen plötzlich rückwärts gespult wurde.<BR><BR>Mit sabbernder Männerwelt zur Groteske</P><P>Einspruch: So zahm, so behutsam, dabei oft nur Achselzucken statt Aha-Erlebnisse hervorrufend, gab sich der Starregisseur lange nicht. Dabei hatte er immerhin mit Dirigent Ingo Metzmacher Alban Bergs "Lulu" eine neue Form gegeben. Berg hinterließ den dritten Akt bekanntlich unvollendet, erst Friedrich Cerha wagte 1979 die Komplettierung. Hamburg spielt nun die modifizierte zweiaktige Version. Gerahmt wird sie von Sätzen aus Bergs "Symphonischen Stücken aus der Oper Lulu".<BR><BR>Eine bemerkenswerte, vor allem durch die Regie schlüssig gestützte Lösung. Konwitschny nahm vor Beginn des ersten Aufzugs den Tod der Titelheldin, der sonst erst im dritten Akt passiert wäre, vorweg. Und durch das neue Nachspiel wird das Werk an die Biografie des Komponisten geknüpft: Alwa, den Konwitschny als Alban Berg begreift und dem er damit kein rühmliches Charakterzeugnis ausstellt, notiert begeistert die Klänge, wobei er fleißig mit Rechenschieber hantiert - ein böser Seitenhieb auf den bis zur Selbstverliebtheit konstruktivistischen Tonschöpfer.<BR><BR>Doch alles, nur keine Zwölfton-"Carmen". Und deshalb nahm Konwitschny seiner Lulu alles Verruchte, auch alle Stereotypen der Kindfrau. Als von der "Urgestalt des Weibes" geschwärmt wird, tippelt ein unschuldiges Mädchen herein. Wenig später ist Lulu die kesse Göre mit Pippi-Frisur - genau so, wie sich's jene Mannsbilder erträumen, die sich von diesem Lulu-Stadium eine Puppe anfertigen lassen, fortan nur noch an den Fetisch denken, wenn sie sich mit dem längst gereiften Original eine schnelle Nummer gönnen.<BR><BR>Anklage wird in dieser Inszenierung geführt gegen triebhafte und lieblose Verehrer der Frau, die sich schon mal einen Giga-Busen umschnallt, um die geifernden Herren zu säugen. Einzig Gräfin Geschwitz scheint alles zu durchschauen, leidet mit der Titelheldin, wenngleich ihre homosexuelle Zuneigung unerwidert bleibt: Also sind Frauen die besseren Männer?<BR><BR>Doch Konwitschny belässt es nicht beim Moralinsauren, sondern treibt das Stück in die Groteske, in den dezenten Aberwitz, wofür ihm der überreizte Hypergestus der Musik genügend Argumente liefert. Es darf also geschmunzelt werden: über die Männer-Karikaturen, über ein Sitzmöbel in Klingelform, das stets in Aktion tritt, wenn es Berg bei bevorstehenden Orgasmen in der Partitur schellen lässt.<BR><BR>Ansonsten herrscht schmucklose Ästhetik. Hans-Joachim Schliekers Bühne ist ein transparenter Würfel, Laboratorium und Schaufenster zugleich. Die Personen tragen Frack und Abendkleid. Am Ende finden sich die Herren samt Geschwitz im Irrenhaus wieder, betreut von Schwester Lulu.<BR><BR>Hamburg bietet dafür ein formidables Ensemble auf, das über weite Strecken erstaunlich textdeutlich singt. Marlis Petersen ist eine glaubhafte, sehr damenhafte Lulu; ein stimmlicher Idealfall, werden doch Extremlagen ohne jegliche Schärfen in eine lyrische Linienführung eingepasst. Andreas Schmidt legt in den Dr. Schön all die Erfahrungen seines Lied-Baritons, ein Meister der feinen Nuancierungen, als Typ mehr ein Ausbund an Redlichkeit, bei dem erotische Gelüste wie eine Überraschung wirken. </P><P>Albert Bonnema (Alwa) gab den konditionsstarken Vokalarbeiter. Sein Charaktertenor mag kein Ohrenschmeichler sein, machte jedoch die Zerrissenheit der Figur hörbar. Dass Anne Gjewang (Geschwitz) der dritte Akt vorenthalten wurde, betrübte bei dieser großartigen Gestaltungskünstlerin.<BR><BR>Nicht fürs Stück Partei ergriffen</P><P>Ingo Metzmacher betätigte sich am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters als Filigrantüftler. Eine sehr kammermusikalische, feinfühlige Interpretation war das, die Sänger trug, die kompliziert verzahnte Klang- und Konstruktionsebenen sehr nachvollziehbar machte. Großer Jubel für ihn und Marlis Petersen.<BR><BR>Konwitschny kassierte kaum Buhs. Vieles an seiner Inszenierung mochte vor allem handwerklich überzeugen. Doch Lulu lediglich als Projektionsfläche einer sabbernden Männerwelt? Damit werden Motivationen und seelische (Un-)Tiefen dieser Frau ausgeblendet. Sie verflacht - und interessiert bald nur noch als stimmliches Ereignis. </P><P>Wie sich überhaupt der Verdacht aufdrängte, Konwitschny hat in der Hinführung zur Groteske nicht fürs Stück Partei ergriffen, es letztlich gar gegen den Komponisten gewendet und damit partiell entwertet. "Übles Regietheater"? Die Herrschaften müssen eine andere Aufführung gesehen haben.</P>

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