Sie mag keinen perfekten Helden

- "Ich kann nichts schreiben, was ich nicht mit eigenen Augen gesehen habe." Das kann Cathérine Clément wohl sagen, denn sie hat schon eine Menge gesehen. Sie bereiste die Welt, nicht zuletzt als Frau des französischen Botschafters. 1997 veröffentlichte sie ihr erstes Jugendbuch, "Theos Reise", in dem sie einen 14-jährigen Jungen auf eine aufregende und erkenntnisreiche Fahrt zu den Religionen der Welt schickt. Theo ist schwer krank, doch seine Tante Marthe hilft ihm auf diesem spirituellen Weg, wieder gesund zu werden.

Neun Jahre sind seitdem vergangen, auch im Leben von Theo. Und Cathérine Clément schreibt ihm, der mittlerweile als Arzt und Umweltschützer arbeitet, eine Fortsetzung: "Theos zweite Reise". Denn nun ist Tante Marthe krank, ihre Lungen, ihr Gemüt, und Theo nimmt sie mit auf eine Studienexpedition, welche die beiden an sechs Orte in Asien, Afrika, Europa und Nordamerika führt.

Etwa ein Jahr hat die studierte Philosophin zum Schreiben gebraucht, den viereinhalbjährigen Aufenthalt in Indien nicht eingerechnet und auch nicht all die anderen Reisen, aus denen sie schöpft. Sie schreibt nicht, während sie reist. Stattdessen malt sie: Aquarelle, Buntstiftzeichnungen. So könne sie die Welt, die sie umgibt, viel intensiver aufnehmen.

Cathé´rine Clé´ment ist eine Frau von kleiner Statur und großer Energie. Lebhaft antwortet sie auf die Frage, warum in einem Buch, das wirkt, als wolle es seine Leser zum richtigen Handeln auffordern, ihr Theo kein perfekter Held sein kann, stattdessen ungestüm, oft voreilig und voreingenommen ist, auch unverständig. "Ich mag keinen perfekten Helden", ruft sie da aus. "Ich schreibe nicht ,Narnia’ oder ,Harry Potter’!" Ab einem Alter von 15 Jahren sei solch ein Held nicht mehr glaubwürdig, versichert die Mutter zweier erwachsener Kinder. "Er muss ein bisschen gewalttätig sein, und er muss viele Fragen stellen." In der Überlegung, ab wann der Held denn wieder ein Held sein dürfe, verrät sie: "Ich habe eine Idee von einer Fortsetzung, in der Theo Anfang 30 ist." Doch auf die müssen die Leser wohl noch einige Jahre warten, schließlich wächst Theo mit ihnen.

Auch "Theos zweite Reise" ist wieder mehr der Diskussion und den Fragen gewidmet, als dass es auf eine Antwort oder Wahrheit zustrebte. Cathé´rine Clé´ment nickt: "In einigen wenigen Passagen, einigen Details findet man einen Punkt, an dem sich die alten Leute mit den jungen einig sind, die Inder und die Europäer, die Afrikaner und die Europäer. Nichts ist universell! Deswegen sind die Momente der Wahrheit, in denen sich die Menschheit versammelt, sehr selten." Im Übrigen spreche sie lieber von "einigen Wahrheiten".

Eine gewisse Liebe zu den Widersprüchen

Obschon Theos Geschichten Romane sind, voller lebendiger, liebenswürdiger, auch tragischer Figuren, tragen sie doch in erster Linie den Charakter prall gefüllter, konstruierter Dokumentationen: lehrreich in der Vielgestalt ihrer themenbezogenen Problematiken und Argumente. "Theos zweite Reise" solle aber kein Dogma verbreiten, so die Autorin, sondern "eine gewisse Liebe zu Widersprüchen. Das Buch vereinfacht nicht das Leben, es verkompliziert es." Denn die Situationen ändern sich, sagt sie ernst. In Theos Fußstapfen zu treten, sei heute schon unmöglich geworden.

Cathérine Clément: "Theos zweite Reise. Roman über die Rettung der Erde". Hanser Verlag, München, 368 Seiten; 17,90 Euro.

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