Tragödie am Karlsfelder See: 24-Jähriger schwimmt zurück - und stirbt

Tragödie am Karlsfelder See: 24-Jähriger schwimmt zurück - und stirbt

Tod in der Kellerkneipe

- Nein, keine sprießenden Prozenttürme oder sich auffältelnde Stimmkuchen, keine Wachskopflächler, die jene Litanei vom, äh, "Zunächst-allerdings-möchte-ich" aufsagen: Wahl? Es gibt weiß Gott Wichtigeres. Zumindest an diesem Abend im Würzburger Mainfrankentheater, wo der GMD Daniel Klajner Punkt 18 Uhr eben nicht vor der Trendmeldung hockt, sondern sich ins Streicherfurioso der "Holländer"-Ouvertüre wirft.

<P>Verantwortlich dafür ist jene junge Dame, von den einen hyänengleich belauert, von der Gegenseite schon zu Bayreuths Kronprinzessin gekürt, Wolfgang Wagners 24-jährige Tochter Katharina also, die hier ihr Regie-Debüt gibt _ und sich zweieinhalb Stunden später verlegen knicksend dem ersten Buh-Bravo-Sturm ihrer Karriere stellen wird.</P><P>Eben noch von der Schließung bedroht, jetzt von klunkernden, steifbeinigen Delegationen der internationalen Wagner-Society und gut 50 Journalisten ("geschlossene Gala-Premiere") gestürmt: Die Verpflichtung der Urenkelin von Richard selig bescherte dem Theater einen Mediencoup. Doch am Ende, wenn der Holländer unter tödlichen Schlägen zusammengebrochen ist, wenn Daland grinsend der suizidgefährdeten Senta das Messer entwindet, bricht das Entsetzen aus den "werktreuen" Extremisten lautstark hervor: So haben wir uns das mit der Hoffnungsträgerin nicht vorgestellt.</P><P>Was war geschehen? Katharina Wagner, von hämischen Vorab-Kommentaren und gewaltigem Erwartungsdruck belastet, hat das Opus umgebürstet, Schwarz und Weiß vertauscht und Daland samt seinen Brutalo-Jungs zu den Bösewichtern des Stücks erklärt. Kein Seemanns-Opa tattert da durch die Takelage, zu sehen ist vielmehr ein glatzköpfiger Fiesling, dessen Outfit vom Dreiklang Rolex/Kettchen/Cowboystiefel bestimmt wird, der Tochter Senta als groteske Barbie dem Holländer zum freien Gebrauch überlässt: "Mögst Du, mein Kind, den fremden Mann willkommen heißen" _ der Text der Daland-Arie entfaltet da eine gefährliche, pikante Zweideutigkeit und untermauert Katharina Wagners wohl genetisch bedingte Werkkenntnis: Die Musik passt _ meist _ zur Szene.</P><P>Als gefallener Herr mit Seidenschal und pikierter Kammersänger-Miene betritt der Holländer die Bühne, die Alexander Dodge zur muffigen Kellerkneipe ausstaffierte und dabei auf jegliche Küstenromantik verzichtete. Dieser Holländer ist womöglich ein Krimineller, der sich bei Daland eine neue Identität und einen falschen Pass beschafft, der dadurch aber in eine gewalttätige Seemanns-Clique gerät, die dem Tee schlürfenden, Bücher lesenden Sonderling samt seiner Gefährten misstraut, am Ende daher zu Baseballschlägern greift und kurzen Prozess macht. Erlösung _ war da was? Und spätestens dann ist auch verschmerzt, dass der Titelheld zuvor eine dümmliche Mopp-Perücke tragen und mit lächerlichen Papierschiffchen spielen musste.</P><P>Frauen existieren in dieser Welt nur als schwer pubertierende, bonbonfarbene Girlies, die von Senta für die fünf Minuten ihrer Ballade aufgestachelt werden, sich bald aber den schweißigen Machos wieder in die Arme werfen werden. Nur: Warum sich Senta für den Holländer interessiert, wird nicht klar _ alles nur Mitgefühl für einen Schöngeist?</P><P>Die Überraschung des Abends ist jedenfalls: Katharina Wagner hat eine sehr selbstbewusste, ambitionierte Inszenierung abgeliefert, die konzeptstärker ist als vieles, was in den letzten Jahren auf Papas Bühne zu begutachten war. Aus der "romantischen Oper" extrahierte sie eine böse, illusionslose, mit gelegentlichen Pointen ironisierte Tragödie. Dass das Ergebnis viel Ungereimtheites, Unlogisches birgt, dass ihr manch Zwang zum Gag und der Hang zur Überdeutlichkeit im Wege stehen, das alles ist ebenfalls zu beobachten, sollte aber unter fehlender Regie-Erfahrung verbucht werden.</P><P>Elf Wochen wurde für diese Produktion geschuftet, was sich auch im Musikalischen niederschlug. Dirigent Daniel Klajner vertraute zwar auf gemächliche Sicherheitstempi und sein robust knatterndes Blech, entlockte dem Philharmonischen Orchester Würzburg aber meist jenen dämo-nisch-ungebändigten Sound, der dieses Sturm-und-Drang-Opus auszeichnet. Der Opernchor besann sich auf seine Tradition (Wagner leitete ihn von 1833 bis '34), lieferte die nötige Wucht und Präzision.</P><P>Und unter den Solisten ragte vor allem Joneva Kaylen (Senta) heraus, die der heiklen Partie mit Unerschrockenheit und üppigem, leicht manövrierbarem Sopran entgegen trat. Kristof Borisewitz gefiel sich hörbar in der Rolle des Daland-Ekels, Ralf Lukas, als einziger (!) Gast engagiert, gab dem Holländer beachtliches vokales Format, sang die gern gebrüllte Partie bewusst auf Linie, vielleicht eine Spur zu wohlerzogen. Eine respektable Ensemble-Leistung also und die Gewissheit: Über Regietalent verfügt Katharina Wagner _ was für Bayreuths Nachfolgefrage allerdings gar nichts bedeutet, da dort kaum erforderlich. Der Papa hat's schließlich jahrzehntelang bewiesen.<BR></P>

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