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Ken Follett: „Die Gefahr eines Atomkriegs ist nicht gebannt“

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Von: Zoran Gojic

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Porträt des britischen Schriftstellers Ken Follett vor einer Bücherwand.
Ken Follett, der Herr der Bücher: „Ich fange um 6 Uhr morgens an und schreibe bis 16 Uhr“, verrät der britische Bestseller-Autor in unserem Gespräch zu seinem Roman „Never“. © Olivier Favre

Mit Ken Follett zu sprechen, ist genauso, wie man es sich vorstellt. Gerade hat der Bestseller-Autor seinen neuen Roman „Never“ veröffentlicht - und sich Zeit für ein Interview genommen:

Ken Follett ist ein britischer Gentleman, der freundlich, humorvoll und entspannt plaudert. Er hat keinen Grund, nervös zu sein: Der 72-Jährige gehört mit seinen Thrillern seit über 40 Jahren zu den meistgelesenen Autoren der Welt, fast alle Bücher sind verfilmt, und auch sein neuer Roman „Never – Die letzte Entscheidung“ über einen drohenden Atomkrieg wird zuverlässig an der Spitze der Bestseller-Listen landen.

In Ihrem neuen Buch gibt es kaum echte Bösewichte, sondern wohlmeinende und kluge Menschen, die aus ihrer Sicht immer das Richtige tun – dennoch laufen die Sachen dann in der Summe sehr schlecht. Was macht Sie so pessimistisch?

Ken Follett: So sehe ich derzeit eben die Situation. Ich zeige einfach die Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind. Wie wir damit umgehen, ist teilweise erschreckend. Wir müssen lernen, anders miteinander auszukommen, und klügere, mitfühlendere Wege finden, um Konflikte zu lösen. Sehen Sie, hier tobt gerade ein regelrecht grotesker Streit zwischen Großbritannien und Frankreich um Fischereirechte. Da beleidigen sich die Anführer der Länder, anstatt eine Lösung zu finden. Das ist bezeichnend. Und hier geht es nur um Fisch.

Wie kommt das?

Ken Follett: Politische Anführer sind starkem Druck ausgesetzt. Es gibt diese Vorstellung, das eigene Land müsse immer Stärke zeigen und dürfe sich nichts gefallen lassen. Das ist wahrscheinlich ein alter menschlicher Reflex, aber er passt nicht mehr in unsere Welt. Insbesondere nicht in eine Welt voller Atomwaffen.

Im Buch thematisieren Sie die Gefahr eines nuklearen Weltkriegs, dabei hat dieses Szenario die Öffentlichkeit seit dem Ende des Kalten Krieges verdrängt. Wie kamen Sie darauf, das zum Thema zu machen?

Ken Follett: Ich weiß, wir dachten, die Gefahr eines Atomkriegs liegt hinter uns, und vor allem in Europa wurde die Zahl der atomaren Sprengköpfe reduziert. Und wir wurden etwas leichtsinnig. Es gibt heute mehr Atomwaffen denn je zuvor. Wir sind mit anderen Krisen befasst, etwa dem Klimawandel. Aber die Gefahr, die von Atomwaffen ausgeht, ist real und ebenso gefährlich, weil sie vom Radar der Aufmerksamkeit verschwunden ist.

Sie verquicken im Buch verschiedene Themen und geben auch einer jungen afrikanischen Migrantin eine Stimme, die nach Europa will. Wie passt das in einen Thriller um einen drohenden Atomkrieg?

Ken Follett: Es zeigt die Zusammenhänge unserer Leben. Die Frau muss den Tschad verlassen, weil die Lebensgrundlage – der Tschadsee – wegen des Klimawandels immer kleiner wird. In Europa sehen wir nur die Migranten aus Afrika, aber weshalb kommen sie? Auch wegen unseres Lebensstils hier. Denn unser Verbrauch von Ressourcen, von fossilen Brennstoffen verursacht den Klimawandel. Und der wiederum beeinflusst das Leben der Menschen beispielsweise in Afrika. Was wir tun auf diesem Planeten greift ineinander und hat Folgen. Das muss uns klar sein.

Sie verweisen zu Beginn des Romans auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Damals gab es viele kluge Leute, die keinen Krieg wollten, ihn dennoch entfesselten, weil sie die Konsequenzen ihres Handelns falsch einschätzten. Lernen die Menschen aus der Geschichte nichts?

Ken Follett: Viele Menschen lernen nichts aus der Geschichte und noch mehr wissen ohnehin nichts über Geschichte. Ich glaube nicht, dass sich Geschichte wiederholt. Aber es gibt Echos aus der Vergangenheit. Die Vereinigten Staaten und ihre westlichen Verbündeten wissen doch, dass man anderen Ländern Demokratie nicht einfach aufzwingen kann. Dennoch versuchen sie es immer wieder, wie im Irak oder in Afghanistan, mit den bekannten Folgen. Es wäre wunderbar, wenn diese Länder Demokratien geworden wären, aber das können nur die Menschen dort aus freien Stücken bewirken.

Sie sind fast schon berüchtigt für die Regelmäßigkeit, mit der Sie veröffentlichen. Wie schafft man es, so umfangreiche und gut recherchierte Bücher im Zwei-Jahre-Rhythmus zu schreiben?

Ken Follett: Man fängt um 6 Uhr morgens an und schreibt bis 16 Uhr. Und ich mache es gerne, weil es das Interessanteste ist, was ich mir vorstellen kann: Geschichten aufschreiben, die die Menschen gerne lesen. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen.

Sie recherchieren sehr viel, sind Sie manchmal überrascht über die Dinge, die Sie herausfinden?

Ken Follett: Eher enttäuscht, wie in diesem Fall über die Atomwaffen auf unserem Planeten. Vor allem aber über das Thema Migration und Flucht, es ist weitaus schlimmer, als ich dachte. Alleine zu erfahren, dass der Tschadsee, eigentlich ein Binnenmeer, mittlerweile wegen des Klimawandels um 90 Prozent geschrumpft ist, hat mich schockiert.

In Ihrem Buch glauben die Protagonisten, darunter viele Agenten, dass sie trotz widriger Umstände etwas bewirken können. Es gelingt nicht, weil in einer Welt der ununterbrochenen Kommunikation Geheimnisse kaum noch geheim bleiben. Gibt es heute zu viel Information, um als Geheimagent erfolgreich arbeiten zu können?

Ken Follett: Mag sein. Aber grundsätzlich glaube ich, dass Menschen, die etwas zu verbergen haben, eher schlechte als gute Ziele verfolgen.

Wie verhindert man also weltweite Krisen?

Ken Follett: Im vertraulichen Gespräch und nicht mit populistischen Aktionen und mit martialischer Rhetorik wie beispielsweise beim Fischstreit zwischen England und Frankreich.

Das Thema scheint Sie umzutreiben ...

Ken Follett: Es ist eben ein Beispiel – das, was da passiert, sollte heute gar nicht mehr möglich sein. Unser Premier oder Macron könnten doch sagen: „Wir wollen doch deswegen keinen Streit eskalieren lassen. Setzen wir uns zusammen und finden eine Lösung.“ Ich meine, es geht doch nur um Fisch!

Wenn Sie so pessimistisch sind: Fällt Ihnen etwas ein, das heute besser ist als früher?

Ken Follett: Eigentlich ist heute alles besser als früher. Wir können jetzt beispielsweise einfach so telefonieren. Früher musste man Ferngespräche anmelden, hatte nur begrenzt Zeit, und wahnsinnig teuer war es auch. Autos waren dauernd kaputt. Restaurants sind heute viel besser, die Medizin bewirkt wahre Wunderwerke. Wir werden immer älter. Man könnte die Liste endlos fortsetzen. Sie sehen: Ich glaube nicht, dass früher alles besser war.

Informationen zum Buch:

„Never – Die letzte Entscheidung“. Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher. Bastei Lübbe, Köln, 877 Seiten; 32 Euro.

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