Mit kesser Sohle und Zunge

- Der Blick aus ihrem Luxus-Apartment geht auf den Atlantischen Ozean und die Wolken darüber. Der Himmel färbt sich blau, weiß, rosa (Bühne: Thomas Pekny), während der ungehobelte, aber sensible Tanzlehrer Michael Minetti der zarten, aber energischen Rentnerin Lily Harrison Tango, Walzer, Foxtrott beizubringen versucht. Kein einfacher Job. Nicht, dass Lily eine schlechte Schülerin wäre, im Gegenteil. Aber immer gibt's Streit, dessen Auflösung stets zwei sture Einzelgänger im Wege stehen. Jedes Mal wird sie der Tanz wieder vereinen.

<P>In den sieben kurzen Szenen seines zweiten Theaterstücks präsentiert der amerikanische Drehbuchautor Richard Alfieri sechs Tanzstile von Swing bis modern - und eine "Bonusstunde", sentimental improvisiert. Doch "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" ist keine Revueaufführung zu 100 Jahren Bewegungskultur, eher ein "Well-made-play"-Abkömmling über die Schwierigkeit des Verlassen-Seins. Der Verlust von geliebten Personen, die daraus resultierende Einsamkeit und zwei Reaktionen darauf: Ihre ist die Resignation, die selbstmitleidige Abnabelung von der Außenwelt; seine ist die Rebellion.<BR><BR>Man hat schon bessere Tänzer als Max Tidof gesehen, und auch er selbst scheint sich in dieser Rolle nicht besonders wohl zu fühlen. In der Münchner Komödie im Bayerischen Hof legt er gemeinsam mit einer zwischen Sweetheart und Trotzkopf temperamentvollen Heidelinde Weis eher eine lockere Zunge hin denn ein flottes Tanzbein. Doch in den Videoeinspielungen zwischen den Szenen beweisen die beiden Schauspieler - zu Schostakowitsch, Tony Bennett oder den Beach Boys -, dass auch sie in der Tat ein paar Tanzstunden genommen haben.<BR><BR>Auch Thomas Nennstiels Inszenierung verfügt über Taktgefühl: Die Dialoge besitzen Tempo und Rhythmus, ihre Stimmung verweist auf die jeweiligen Musik- und Tanzstile, zu denen Christl Stützinger mit den passenden Kostümen aufwartet. Ein einfaches Muster, das Treffen der Gegensätze im Außenseitertum, macht Alfieris Stück zu einer tragisch-kitschigen Kopf-hoch-Komödie, die überdeutlich anzeigt, wo zu lachen, wo zu seufzen ist und erst durch die große Tanzmetapher Reiz erwirbt. Der Herr führt die Dame, und so führt auch Michael Lily am Ende aus ihrer Einsiedlerei heraus, aus finsteren Wolken in den mittlerweile siebten Bühnenhimmel: des Glücks.<BR></P>

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