Keuscher Liebhaber der Antike

- Alles, Bühne und Kostüme, klinisch weiß. Hier gibt es kein Sich-Verstecken hinter szenischen Mätzchen, kein Abtauchen im Schlamm, kein Schwadronieren der eigenen Denkungsart, auch nicht die Verschlimmbesserung eines genialen Werks. Lars-Ole Walburg, der in München zu kläglichem Ruhm durch die Vermatschung von Büchners "Dantons Tod" geraten war, hat sich nun mit seiner Kammerspiele-Inszenierung von Sophokles' "Antigone" als sehr keuscher Liebhaber der griechischen Antike gezeigt. Und das Ergebnis ist aller Ehren wert.

<P>Denn diese Aufführung nimmt vor allem dadurch für sich ein, dass sich der Regisseur ganz offen dem übermächtigen Drama stellt, klar und unter Hochspannung seine Fabel erzählt und da, wo er szenisch selbst nicht weiter weiß, nämlich bei der moralischen Kehrtwendung Kreons, aus der eigenen Ratlosigkeit keinen Hehl macht. Nach Teiresias Abgang lässt Walburg seinen Kreon ins Publikum hinein extemporieren: "Sonst noch jemand 'nen guten Ratschlag?" Dann schickt er ihn ins Parkett, um nach längerem stillen Verharren dort genervt die Zuschauer zu fragen: "Möchte vielleicht jemand von Ihnen . . .?"<BR><BR>Natürlich will keiner, und Kreon muss selbst wieder auf die Bühne, selbst den Widerruf seines Befehls erledigen, selbst Sohn und Nichte vor dem Tod zu retten versuchen. Jetzt muss er selbst den großen Tragöden geben. Und das fällt schwer. Dem Regisseur wie seinem Hauptdarsteller. Denn gemeinsam haben sich Walburg und Michael Neuenschwander einen Kreon ersonnen, der in seinem weißen Sommeranzug ganz und gar ein trockener, emotionsloser Technokrat von heute sein könnte. Der innere Bewegtheit höchstens ausdrückt, indem er sich an die Stirn fasst, die randlose Brille abnimmt oder in seiner strammen Haltung auch mal leicht ins Wanken gerät. Der eher etwas von der Fasson eines gefährlichen Ministerialbeamten hat als von der schrecklichen Größe eines Tyrannen.<BR><BR>Glück der Besonnenheit</P><P>Wenn aber auf Letztere verzichtet wird zugunsten eines modernen Typs, ist der tiefe Fall des Kreon nicht zu erspielen. Die Gewalt des Schicksals, das über ihn hereinbricht, die Macht der Katharsis, wird hier ersatzweise durch ein fulminantes Schlagzeugsolo ausgedrückt, das der Percussionist Anno Kesting über den gesamten Bühnenboden ausbreitet. Wenn dann die hintere Palastwand sich auf der Schräge nach vorn schiebt, wenn damit Kreons video-produziertes, machtstrotzendes Konterfei immer kleiner wird und schließlich verschwindet, sich die Palasttür öffnet und er selbst heraustritt, in den Armen den toten Sohn Haimon (stark emotionalisiert: Paul Herwig), dann ist diese Inszenierung beim bürgerlichen Trauerspiel angekommen: mitleidsvoll, heutige Bilder assoziierend. Schuldig aber bleibt sie das Archaische, die Radikalität des Schmerzes, seine unfassbare Größe.<BR><BR>Das Stück aber heißt "Antigone", und von ihr war bislang nicht einmal die Rede. Aus ähnlichen wie den gerade angeführten Gründen. Julia Jentsch spielt die berühmteste Heldin der Weltliteratur als eine emanzipierte Göre der Gegenwart. Anrührend das Anfangsbild, wenn sie mit der Schwester Ismene (beeindruckend in ihrer Widersprüchlichkeit: Caroline Ebner) trauernd nebeneinander auf dem Boden hockt. Dann aber entwickelt Julia Jentsch ihre Rolle hauptsächlich aus der politischen Kühle, nie aus der Hitze des Widerstands heraus.<BR><BR>Wenn sie gefangen und mit einem weißen Sack über dem Kopf durch den Wächter (sehr gut in seiner jugendlichen Lockerheit und Komik: Oliver Mallison) auf die Bühne geworfen wird, dann zum Disput mit Kreon ansetzt, dabei argumentiert wie eine Jung-Abgeordnete, glaubt man ihr zwar sofort die rhetorische Frage "Wie hätte ich größeren Ruhm gewinnen können?". Unglaubwürdig, da nicht von innerer Notwendigkeit erfüllt, aber das Bekenntnis der Stolzen: "Zu lieben, nicht zu hassen bin ich da." Korrekt und überdeutlich spielt, auf ihre natürliche Ausstrahlung setzend, Julia Jentsch ihre Antigone. Indes wird es bei ihr besonders deutlich, wie wenig es noch gelingt, aus Sprache und Rhythmus Gestus und Haltung zu gewinnen und die Mehrdimensionalität einer so komplexen Figur herzustellen. Da können sie alle nur lernen von Doris Schade, die allein durch ihr Erscheinen Raum um sich schafft und ihren blinden Seher Teiresias mit einer Aura umgibt, die ihresgleichen sucht.<BR><BR>Ein Problem jeder Antiken-Inszenierung heute ist der Chor. Lars-Ole Walburg reduziert ihn auf zwei Chorführer. Mit Dieter Montag und Hermann Beyer holte er sich aus dem Berliner Reservat zwei potente Darsteller, die er alsbald in die Proszeniumslogen schickt und sie so mit den Zuschauern, die nun quasi den Chor abgeben, gleichsetzt. Das verleiht dem Abend allerdings eine gewisse Behäbigkeit, die er insgesamt nicht verdient hat. Denn mit der "Antigone" ist den Kammerspielen eine schöne, klare, ehrliche Aufführung gelungen. Eine gute Inszenierung, an der die Schauspieler noch reifen müssen.<BR><BR>"Von allem ist Besonnenheit das größte Glück": Dieses Fazit des Chores der Thebaner stellt der Regisseur dem Abend als Motto voran. Eine Besonnenheit, die Walburg auch sich selbst auferlegte - und für die er und seine Akteure am Ende groß gefeiert wurden.<BR></P><P> </P>

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