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Einer allein? Kommt nicht infrage! Diese Familie hält zusammen. Und flüchtet vom Iran über die Türkei nach Frankreich, wo der kleine Kheiron aufwächst. Seine Eltern Fereshteh (Leïla Bekhti, li.) und Hibat (Kheiron) stärken ihn.

Kheirons Spielfilmdebüt

Interview zum DVD-Start: „Humor ist die stärkste Waffe“

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München - Auch so kann politisches Kino sein: Kheiron, französischer Komiker, erzählt in „Nur wir drei gemeinsam“ die Geschichte der Flucht seiner Eltern aus ihrer Heimat Iran nach Frankreich. Er war damals als Zweijähriger mit dabei. Selten hat ein Film mit so viel Humor und gleichzeitig so viel Einfühlungsvermögen von Diktatur, Folter, Flucht – und Neuanfang erzählt. Kheiron hat nicht nur das Drehbuch geschrieben und Regie geführt, er übernimmt auch selbst die Rolle seines Vaters Hibat. Nun gibt es den Film auf DVD.

-Wie wahr ist der Film, wie sehr ist er wirklich autobiografisch?

Kheiron: Maximal autobiografisch! So sehr wie es überhaupt nur möglich ist. Gibt es Momente, an denen Sie daran gezweifelt haben? (Grinst.)

-Na ja, als der Bruder dem anderen Bruder unbemerkt die Socken von den Füßen klaut ...

Kheiron: (Lacht.) Okay, da haben wir vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber ansonsten stimmt wirklich fast alles. Beispielsweise, dass mein Onkel der Besitzer des Restaurants war, wo ein Attentat stattfand, und er war wirklich der Einzige, der das überlebt hat. Er hat noch heute Kugeln im Bauch. Und es stimmt, dass er bereits klinisch tot war, dass die Maschinen schon abgestellt waren und dass er dann wie durch ein Wunder weitergelebt hat. Es stimmt auch, dass mein Vater elf Schwestern und Brüder hatte. Auch die Burschen in der Banlieue, die hat es alle so gegeben. Also die großen Fakten in dem Film stimmen.

-Würden Sie ihn als politischen Film bezeichnen?

Kheiron: Der Film hat einen politischen Hintergrund, aber eine sehr populäre Unterhaltungsform. Ich finde, wir leben heute in einer ziemlich barbarischen Welt, und schon eine Liebesgeschichte zu drehen, hat heutzutage etwas Politisches. Trotzdem würde ich niemals sagen, dass es ein politischer Film ist. Wer sagt: Ich habe einen politischen Film gemacht, der macht schon keine Politik mehr. Politik sollte mehr unterbewusst mitschwingen.

-Das ist Ihnen gelungen. Es wird so wunderbar deutlich, dass Flüchtlinge auch Menschen wie du und ich sind. Ein starkes Signal in diesen Tagen.

Kheiron: Ja, wir vergessen zu oft den anderen, wir stellen uns immer egoistisch selbst ins Zentrum und denken: Oh, da kommen böse andere, das sind alles Parasiten, die wollen uns alles wegnehmen. Man erkennt zu selten, dass es auch eine Chance ist. Dass sie vielleicht Kompetenzen haben, die wir nicht haben. Selbst wenn sie über keinerlei Ausbildung verfügen, muss man doch bedenken, dass es uns doch auch treffen könnte. Wir  könnten  durchaus mal in  einer Lage sein, in der wir unsere Familie retten müssen, in der wir bereit sind, übers Meer zu flüchten. Jeder, der in Gefahr ist, hat diesen Instinkt.

-Für eine Flucht braucht es sehr viel Stärke. War der Humor bei Ihren Eltern eine treibende Kraft, dass sie es schaffen konnten?

Kheiron: Ja, meine Eltern sehen alles mit einer sehr positiven Grundeinstellung. Sie sagen sich sehr oft: Ach, es hätte viel schlimmer sein können! Wir hätten tot sein können, wir hätten getrennt werden können. Diese Einstellung hat mich sehr inspiriert. Es wäre auch keine wirkliche Hommage an meine Eltern gewesen, wenn ich jetzt nur ein Drama erzählt hätte. Meine Eltern sind keine Menschen, die bedauert werden wollen, dazu sind sie auch zu bescheiden. Mein Vater etwa hat über seine Gefängniszeit im Iran nicht geredet – um sich nicht in den Vordergrund zu rücken.

-Die Frauen spielen eine bedeutende Rolle. Ist es Ihre Utopie oder ist es Realität, dass die Frauen sehr wichtig für die Familie sind?

Kheiron: Das stimmt total, ich kenne gar keine schwachen Frauen, wirklich nicht! Ich finde, Frauen sind so viel stärker als Männer, das hängt schon mal damit zusammen, dass ihr Frauen einmal im Monat eure Periode bekommt und wisst, wie ihr mit Schmerz und mit Leiden umgehen müsst; und das habt ihr jeden Monat einmal! Und ihr wisst auch ganz genau, was der Blick eines Mannes ausmacht. Allein dieser Wechsel zwischen einem kleinen 13-jährigen Mädchen und einer 14-, 15-Jährigen, die dann noch keine Frau ist, aber einen ganz anderen Körper, eine ganz andere Körperlichkeit bekommt – und plötzlich merkt, was für eine Macht sie hat. Wie sie verführen kann. Und wie sie das einsetzt. Ich finde Frauen so viel intelligenter als Männer. Man sagt immer: Gott erschafft Leben. Nein, es ist die Frau, die das Leben schafft. Man sagt immer, Gott kann verzeihen. Es sind die Frauen, die verzeihen können, wenn sie lieben! Und es sind die Frauen, die grenzenlos lieben können. Und aus all diesen Gründen heraus sage ich: Es gibt keine schwachen Frauen. Eine schwache Frau weiß nur nicht, dass sie stark ist. Frauen sind den Männern in so vielen Punkten überlegen, und Männer sollten sie dafür viel mehr anbeten.

-Sie tun das mit Ihrem Film! Und mit Humor. Kann man mit Witz und Komödien besser die Menschen zum Umdenken bewegen als mit erhobenem Zeigefinger?

Kheiron: Auf jeden Fall! Wenn man sich zum Beispiel den US-amerikanischen Präsidenten anschaut. Ich habe ja in meinem Leben schon vier amerikanische Präsidenten kommen und gehen sehen – aber Barack Obama hat einfach Klasse und Stil, denn der hat Humor. Man muss ihn einfach mögen, weil er diese Ausstrahlung hat. Der Humor ist eine Waffe, die du wunderbar einsetzen kannst. Wenn du ein Bäcker bist, verkaufst du mehr Semmeln, wenn du lustig bist. Wenn du ein Politiker bist, bist du populärer, wenn du Witze machst. Ich bin wirklich der Meinung, der Humor ist die mächtigste Waffe, über die wir verfügen.


Die DVD kommt nun in den Handel.
Kheiron:
„Nur wir drei gemeinsam“ 
(EuroVideo).

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