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Was ist Kampf, was Wollust? Luise Deborah Daberkow und Pascal Fligg als Titania und Oberon.

Spielzeitauftakt mit Shakespeares „Sommernachtstraum“

Verliebt, verlobt, verhasst am Münchner Volkstheater

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Kieran Joel inszenierte zum Start der neuen Spielzeit am Münchner Volkstheater Shakespeares „Sommernachtstraum“. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Der Sport und die Kunst haben mehr gemein, als manche vermuten. „Never change a winning Team“, sagte einst Fußballlehrer Sir Alf Ramsey. Da sie im Münchner Volkstheater natürlich wissen, wie richtig der britische Weltmeistertrainer von 1966 mit diesem Satz lag, durfte wie 2017 erneut Kieran Joel die Spielzeit eröffnen. Und der junge Regisseur, Jahrgang 1984, nahm sich wieder einen Shakespeare vor. Nach „Romeo und Julia“ im vergangenen Jahr ist jetzt sein „Sommernachtstraum“ ein beeindruckender Auftakt. Am Sonntag war die herzlich und heftig beklatschte Premiere des eineinhalb Stunden langen Abends (keine Pause).

Der Regisseur wirbelt Shakespeare durcheinander

Wie Shakespeare seine Liebespaare in einem verzauberten Bäumchen-wechsel-dich-Spiel durcheinanderwirft, wirbeln nun Joel und seine Dramaturgin Daphne Ebner durch die Vorlage des Dramatikers. Ihren Fokus legen sie auf die vier jungen Athener, die untereinander verliebt, verlobt, verhasst sind. Die Zauberblume des Helfer-Elfen Puck ist im Volkstheater kaum mehr als Zitat und Accessoire – Beziehungsstress und Trennungsfrust kriegen die Menschen schließlich problemlos ohne Hilfe aus dem Zwischenreich hin. Damit dringt die Inszenierung zum bitteren Kern der Komödie vor, die 1600 erstmals gedruckt wurde: Die Halbwertszeit der ewigen Liebe ist deutlich kürzer, als das Adjektiv suggeriert.

Sie schlittern durch die Geisterbahn der Hormone: Hermia (Carolin Ha rtmann, v. li.), Lysander (Sebastian Schneider), Demetrius (Timocin Ziegler) und Helena (Nina Steils).

Es ist aber auch schwer, eine Beziehung auf festem Grund zu bauen, wenn der Boden aus Kies besteht. Belle Santos entzieht den Figuren mit diesem rutschigen Untergrund jeden sicheren Stand. In den Hintergrund der Bühne hat sie ein Guckkastentheater gebaut, das bessere Tage wohl nie gekannt hat. „Sycamore Grove“ steht über dem Portal – und in diesem Hain, dessen Name auf die Maulbeer- oder Esels-Feige anspielt, erleben die jungen Leute ihren Liebes-Albtraum: individuell und doch kollektiv, denn die Abfolge von Entflammen, Werben, Begehren, Spott und Abweisung wiederholt sich. Passend dazu gleichen sich Helena, Hermia, Lysander und Demetrius in Frisur und Kleidung; ihr Leiden ist allgemein: da capo.

So macht die Liebe Zombies aus uns allen

Kieran Joel misstraut dem Schmachten und den Treue-Schwüren. Die Sommernacht kühlt er so weit herunter, dass es zu Beginn gar schneit und Nebel wabert wie in jedem anständigen Horrorfilm. Tatsächlich ist es zum Gruseln. Oberon und Titania, immerhin das Königspaar der Elfen, zeigt der Regisseur grindig und zerfressen von Eifersucht, gelblich vor Neid. Als sie sich durch das Prahlen mit Fremdgeh-Eskapaden gegenseitig aufgeilen und schließlich übereinander herfallen, bleibt unklar, was Kampf, was Wollust ist. Die jungen Athener drängen sich zur Sicherheit ängstlich an die Seite.

Starke Ensembleleistung

Selbst Shakespeares Handwerker, sonst häufig als krachende Komödianten inszeniert, proben hier spinnengleich das Liebesdrama von „Pyramus und Thisbe“ – dabei erinnern nicht nur ihre Augen an Untote. „The Walking Lovers“ – so macht die Liebe Zombies aus uns allen. Und doch gibt es gerade in diesen Szenen mit Jakob Geßner, Oleg Tikhomirov und Mauricio Hölzemann, der diese Spielzeit neu am Volkstheater ist, immer wieder Momente von beglückender Poesie und beiläufigem Witz. Zum Spielmacher seiner kleinen Horrorshow der Hormone macht Joel den Puck. Als eine Mischung aus Zirkusdirektor, Alleinunterhalter und Paartherapeut von zweifelhaftem Erfolg schickt der Elf die Paare durch die Geisterbahn ihrer Gefühle, einen Auftrag Oberons, seines Herrn, braucht er dafür nicht. „Was ist das? Nur ein Traum?“, fragen die jungen Leute vor jeder neuen Fahrt – rasch sollen sie es erfahren. Max Wagner gibt seinem Puck eine herrliche Mischung aus Konzilianz und Kontrolle. Doch trägt das ganze Ensemble mit großer Spiellust und guter Körperbeherrschung diese stimmige Inszenierung; gerne schaut man den Schauspielern zu. Besonders beeindrucken Nina Steils als Helena sowie Luise Deborah Daberkow, die beide über eine enorme Präsenz verfügen.

Am Ende, als die Nacht dem Tage weicht, liegen die vier Athener völlig erschöpft im Kies – und wissen nicht, ob sie lachen oder weinen sollen.

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