Der Killer als Trottel

- Da steht er nun, der arme Tor und wünscht, er wäre noch so klug als wie zuvor: Seine hoch wissenschaftliche, die Welt erklärende Abhandlung, basierend auf den Studien des Wissenschaftlers De Selby, klemmt zwar noch unter seinem ängstlichen Arm. Doch er versteht rein gar nichts mehr: Nicht, wo er ist, warum die Geldkassette verschwunden ist, die zwei Polizisten aber nach Fahrrädern suchen.

<P>Groß wie seine Brillengläser glotzen seine runden Augen, unschlüssig tapst er mal hier- mal dorthin und steht dann da, als ob man ihn bis in die krausen Haarspitzen hinein erschreckt hätte.</P><P>Dabei war der namenlose Er gerade noch ein Held, der, was er wollte, kühn tat: Durch den reichen Mathers _ den zäh und zerbrechlich agierenden Richard Beek _ eine Kugel jagen, um sich sein Geld zu krallen. Von jetzt an aber ist Er ein Ahnungsloser, Irrender, vor allem Fragender in Flann O'Briens "Der dritte Polizist".</P><P>Christopher Blenkinsop und Carsten Dane haben den Roman des Iren in einer mit Musikeinlagen unterfütterten Fassung auf die Bühne des Münchner Theaters im Haus der Kunst gebracht. Fragen, Achselzucken, beschwichtigendes Nicken und Phrasen, die immer passen _ schön, wie sie aus Alfred Kleinheinz so herausquellen. Wie die unzähligen Teekisten auf der Bühne lässt auch er sich herumschieben: der Killer als Trottel. Eigentlich ist er ja nur auf dem Weg zur Polizeiwache, um den Verlust "seiner" Kassette zu melden. Da begegnen ihm: Mathers, den er gerade erschossen hat; sein Gewissen, genannt Joe, als schlaue Sprecherstimme aus dem alten Röhrenradio; und O'Corky im Muskelshirt- und Strick-Käppi-Look eines Hafenarbeiters, Räuber, Gelegenheitsmörder wie er und Fahrradfahrer, wenn er es wiedergefunden hat. Man begreift: Für einen wie Er, der sich die Welt bislang kausal, logisch, naturwissenschaftlich erklärt und seinen "De Selby" zur Bibel erhoben hat, schlichtweg die Hölle. </P><P>Und die heizen die zwei Polizisten ihm noch kräftig ein: Ohne Namen ist Er kein Besitzer. Klauen tut, wer Verstand hat, sowieso nur Fahrräder. Es sei denn, er geht schon allmählich in eines über. Atomphysik nach O'Brien: Wenn die Moleküle von Fahrrad und Mensch sich vermischen, werden sie zu Fahrrad-Wesen: "Dann kommen die Fahrräder und verlangen das Wahlrecht", seufzt gewichtig der Sergeant Pluck. Ja, man hat Verständnis für ihn _ vollendet doziert Helmut Stange den O'Brien'schen Nonsens mit seiner durchaus eigenen Logik. Nicht dass Er dabei verzweifeln würde: Gemeinsam stimmt man in nette Couplets ein, die Dane am Klavier begleitet, und slapstickt sich zwischen Kisten und Maschinen in der unhandlichen Handlung voran. </P><P>Während drei große Wände aus Teekisten allmählich von ihnen zu einer mit Röhren verbundenen Apparatur umgeschichtet werden und dabei immer mal wieder ein Fahrrad freigelegt wird, kommen die flott sich abstrampelnden Komödianten ins Trudeln. Selbst die rätselhafte Apparatur mit ihren Winden und Hebevorrichtungen, Glöckchen und Orgelpfeifen kann die Spannung nicht mehr aufrecht erhalten: Zu wenig dicht haben Blenkinsop und Dane die Elemente aus O'Briens sperrigem Roman zusammengestückelt. Wenn Figuren nichts tun, außer Sprüche klopfen, dann müssen diese gehaltvoll bleiben. Sie erschlagen jedoch zuletzt nur noch. Auch an Skurrilität kann man sich gewöhnen. Aber dann gibt es nichts mehr zu staunen und noch weniger zu lachen.</P><P><BR> </P>

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