Als Kind heimlich beim Boxen

- Schon so ein exotisch schöner Name wirbt für seinen Träger: Tigran Mikayelyan. Aber der überdies blendend aussehende Armenier, seit 2005 Solist im Bayerischen Staatsballett, kann eine Menge mehr vorweisen: einen wachen Verstand, Durchsetzungskraft, und mit seiner geschliffenen klassischen Technik nimmt er gerade Anlauf für eine Ballettkarriere. Letzten November hatte er im Nationaltheater sein Debüt als Siegfried in "Schwanensee", und morgen tanzt er hier erstmals den Romeo ­ wieder mit Natalia Kalinitschenko als Partnerin ­ in John Crankos "Romeo und Julia".

Intensiver Blick aus riesigen braunen Augen unter dichten schwarzen Brauen ­ da sitzt einem ein junger Mensch gegenüber, der die Dinge energisch anpackt. "Ich habe viel bei Heinz Spoerli in Zürich gelernt, aber sieben Jahre dort, das war genug", sagt er. Mutig tanzt er u. a. beim Boston Ballet und beim American Ballet vor, weil er gerade Verwandte in den USA besucht: "Ein großer Teil der Familie, es müssen jetzt so etwa 60 Leute sein, leben in Los Angeles. Mit einer Million Armeniern ­ auch aus dem Iran, dem Libanon und Syrien ­ nennt sich ein Hollywood-Viertel bereits ‚Little Armenia’."

"Meine Mutter drängt schon seit langem auf einen Enkel."

Tigran Mikayelyan

Mikayelyans Eltern aber sind in Erewan geblieben. Beide sind ausgebildete klassische Tänzer. "Meine Mutter tanzt und choreographiert heute in einer Folklore-Tanztruppe. Die klassische Laufbahn konnte sie nicht einschlagen, meinetwegen. Ich kam nämlich an ihrem 17. Geburtstag zur Welt", lacht er spitzbübisch und meint: "Bei uns ist das nichts Ungewöhnliches. Alle meine Freunde waren mit 20 verheiratet. Und meine Mutter drängt schon seit langem auf einen Enkel."

Damit ist aber wohl vorerst nichts. Zurzeit hechelt er von Probe zu Probe. Da kommen ihm seine Kondition zugute, seine karatescharfen Muskelreflexe und Stahlfedersprünge, mit denen er gleich bei seinem ersten Münchner Auftritt als "Goldenes Idol" in "Bayadère" verblüffte. Die Romeo-Rolle jetzt verlangt jedoch vor allem Darstellung: "Für mich ist Romeo kein naiver, blauäugiger junger Mann. Er ist gebildet, weiß, aus welcher Familie er stammt. Und seine Liebe zu Julia und zugleich das Bewusstsein von Schuld, weil er Tybalt umgebracht hat, all das lässt ihn in 24 Stunden reifen, wofür andere 24 Jahre brauchen."

Mit seinen 26 hat Mikayelyan jedenfalls klare Vorstellungen, was ihm im Leben wichtig ist. Nach sechs Jahren Waganowa-Ausbildung an der Armenischen Ballettschule Erewan holt er sich 1997 mit einem Stipendium der Nurejew-Stiftung den letzten Schliff an der Schweizerischen Ballettberufsschule in Zürich ­ und macht dort auch gleich die Lehrer darauf aufmerksam, dass es in Erewan noch andere exzellente Tänzer gibt: "In der Schweiz, in Deutschland fehlt es doch an guten Ballerinos", argumentiert er zu Recht. "Ich war der erste Armenier, der aus Erewan kam. Jetzt sind es schon 38 Jungs aus meiner Schule, die im Ausland tanzen, in Berlin, Dortmund, Stuttgart, Wiesbaden, Wien, Zürich und San Fransisco."

Mit fünf armenischen männlichen Kollegen hat er unlängst die Compagnie Forceful Feelings gegründet, um, wie er sagt, jungen Tänzern seiner Heimat eine Auftritts-chance zu geben. "Mit unseren Vorstellungen, die nächste Premiere ist am 28. Juli im Titus Forum in Frankfurt, wollen wir hier professionellen Tanz aus Armenien präsentieren, aber auch dem armenischen Publikum zeigen, was sich in der Ballettwelt draußen tut. Ich werde ja ohnehin regelmäßig vom Kulturministerium eingeladen, zu Hause zu tanzen. Mit der Erewan Oper war ich schon in Istanbul und demnächst steht ein Gastspiel in Ägypten an."

War er schon als kleiner Junge begeistert vom Tanz? "Nicht so ganz", gesteht er. "Ich bin heimlich zum Boxunterricht. Dem Coach, der einem die Nase abhärtet, hab ich gesagt, er solle mich schonen, damit meine Eltern nichts merken." Dieser Bitte ist der Trainer, wie man sich überzeugen kann, fürsorglich nachgekommen.

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