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Umschlag zu „Andy Warhol’s Exposures“, einem Buch mit ungewöhnlichen Star-Fotos: Wo sieht man schon, wie Bianca Jagger sich die Achseln rasiert?

Kinder-Spaß und Kennedy-Mord

München - „Reading Andy Warhol“: Das Museum Brandhorst zeigt ein umfassendes Panorama seiner Künstlerbücher.

Wie das Leben so spielt, bietet München gerade ein Andy-Warhol-Paket. Die Graphische Sammlung zeigt in der Pinakothek der Moderne unbekannte Zeichnungen aus den 50er-Jahren. Als maßgeschneiderte Ergänzung dazu fungiert ab heute „Reading Andy Warhol“ im Museum Brandhorst. Genauso wunderbar ergänzt sie die großen Bilder des Pop-Art-Kaisers im eigenen Haus: von Hammer und Sichel bis zum Letzten Abendmahl. So ist ein sattes Warhol-Panorama entstanden, das von seinen Anfängen als Werbegrafiker bis zum Ende als Künstler-Ikone reicht. Deswegen begrüßen den Besucher zunächst das imposante Doppel-Selbstbildnis von 1986 – 1987 starb der 1928 geborene Könner – und ein kleines Selbstporträt aus dem Jahr 1964 am Eingang zur eigentlichen Ausstellung. Mit hochgerecktem Kinn (noch ohne Strubbelhaare) deutet Warhol stolz seinen Status als freier Künstler an. Die Fron des Grafiker-Brotberufs lag da hinter dem Mann, der 1949 von Pittsburgh nach New York gekommen war und es erobern sollte.

Kuratorin Nina Schleif konnte bei ihrem Konzept auf die fulminante Brandhorst-Sammlung an Künstlerbüchern bauen, bekam außerdem Leihgaben von der Staatsbibliothek und aus den USA. So kann sie belegen, dass Andy Warhol zeit seines Lebens Bücher entwickelte. Übrigens auch Bücher – liebe- und respektvoll kindgerecht – für die Kleinen. Wie man überhaupt bei jedem Schritt durch die elegant inszenierte Präsentation seine Hingabe an die Literatur und ans Buch-Handwerk an sich spürt.

In abgedunkelten Räumen mit metallicfarbenen Wänden prangen Bücher und Blätter, perfekt beleuchtet wie Preziosen. Kinderfröhlichkeit purzelt einem bei „Mrs. Cook’s Children“ (1952) entgegen. Zu Versen wie „Im Haus der Köchin da standen zehn Betten/ Für ihre zehn rothaarigen Kinder, krausen, nicht fetten“ kombiniert Andy Kugeln, auf denen ein paar Schneckerl, eine Omega-Nase und Pünktchen für Augen und Mund sitzen. Diese Gesichtchen werden bewegt von Flügerln, die wie Zeichenfedern aussehen. So wie hier der Spaß sprüht, so glimmt in seinem Geschenkbuch für Kunden, einem ABC, Geheimnis in jeder Figur, in jedem Antlitz.

Wer die Schau der Graphischen Sammlung kennt, wird vieles wiedererkennen – auch die Technik des Durchpausens und Abklatschens. All das hat weichen Charme. Schärfe kommt erst mit dem freien Künstler Warhol auf, der gerade in seinen eigenen Büchern sozial Krasses dokumentiert: ob Obdachlose oder Schickimickis. In „Andy Warhol’s Index“ verdichtet er das großartig und lockert es mit Aufklapp-Gaudi-Elementen wie der Tomatendose auf. Künstlerisch kulminiert der Blick auf die Realität in dem intensiven Siebdruck-Portfolio „Flash – November 22, 1963“: große Tafeln zu John F. Kennedys Ermordung zusammen mit den Eilmeldungen aus dem Nachrichten-Ticker.

Simone Dattenberger

Bis 12. Januar 2014

tgl. außer Mo. ab 10 Uhr; Katalog (Hatje Cantz): im Museum 39,80 Euro.

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