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Nicht nur sich selbst, auch Helme Heine erkennt man in dessen Bildern. Dass seine weißen Protagonisten eine Brille wie die seine tragen, kann kein Zufall sein. Ab morgen sind sie im Museum Fünf Kontinente zu sehen.

Helme-Heine-Ausstellung im Museum Fünf Kontinente:

Erkenne dich selbst!

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Kinderbuchautor Helme Heine präsentiert eine Hommage an Neuseeland im Museum Fünf Kontinente.

Und dann sagen die Handwerker aus heiterem Himmel, dass sie tags drauf leider nicht kommen können. Krankheit? Baustoffmangel? Privater Unglücksfall? Nö. „Der Wind steht gut. Wir gehen fischen.“ Ja, so kann das laufen in Neuseeland. Helme Heine und seine Frau Kiki lachen herzlich, als sie diese Anekdote über ihren Hausbau in Neuseeland erzählen. Seit über 20 Jahren leben sie in Russell, einem kleinen Ort auf der Nordinsel von Neuseeland. Bereisen aber Jahr für Jahr über mehrere Monate Europa. „Da sauge ich mich voll mit Ideen, aus denen ich in unserem Neuseeländer Paradies schöpfen kann“, erzählt Heine, einer der bekanntesten Bilderbuchkünstler der Gegenwart. Seine rund 70 Bücher – von „Freunde“ bis „Na warte, sagte Schwarte“ – wurden in 35 Sprachen übersetzt, etwa 25 Millionen Mal verkauft. Warum das so ist, versteht, wer dieser Tage ins Münchner Museum Fünf Kontinente geht. Dort startet heute die kind- und erwachsenengerechte Schau „Spiegelbilder. Maori-Kunst und Helme Heines Blick auf Neuseeland“. Es ist ein liebevoller, reflektierter Blick auf dieses Land, das sich vorbildlich darum bemüht, Bikulturalität zu leben. Ein Grundsatz, der in der Verfassung verankert ist.

Blick in die Schau: Neben den Bildern sind Maori-Objekte wie Keulen oder Angelhaken zu sehen.

Was das für den Alltag der Menschen bedeutet, davon erzählen die kraftvollen Bilder. Kraftvoll in ihrer Symbolik, kraftvoll in ihrer Farbgebung. Links ein Kopf mit übergestülpter Maori-Flagge, ihm gegenüber ein Kopf mit übergestülpter Neuseeland-Flagge. Darunter die Zeile „Nationalismus macht blind“. Punkt. Oder dies: ein weißer Mann vor dem Spiegel – doch was er darin sieht, ist ein Maori. Weil das eine ohne das andere nicht mehr denkbar ist. Durch Mischehen, wirtschaftliche, freundschaftliche Beziehungen löst sich die Unterteilung in Maori und Pakeha (Neuseeländer europäischer Abstammung) mehr und mehr auf.

Was Europäer von Neuseeländern lernen können

Dass bei dieser Entwicklung auf beiden Seiten immer die Sorge mitschwingt, eine der Kulturen könne verdrängt werden – auch das symbolisieren die Bilder anschaulich. „Doch genau die Kunst, beide Traditionen zu schützen, beherrschen die Neuseeländer ungemein“, sagt der 77-jährige Künstler. Und er, der Europa seit Jahren aus der Außenperspektive betrachtet, fügt nachdenklich hinzu: „Die Vielfalt der Kulturen, die in Europa herrscht, geht mehr und mehr verloren. Ein bisschen fühle ich mich wie Sokrates, der den Menschen in Athen einen Spiegel vorhielt und rief: ,Erkenne dich selbst!‘ Über diese Bilder möchte ich zeigen, dass wir in Europa viel von Neuseeland lernen können.“ Was denn zum Beispiel? „Die Achtung vor dem anderen. Die Selbstverständlichkeit, mit der im Alltag die Sprachen von Maori und Pakeha eingesetzt werden.“ Und vielleicht auch das: ehrlich sein, offen, keine Ausreden erfinden. Und stattdessen dazu zu stehen, das zu tun, was gerade am sinnvollsten erscheint. Und wenn das heißt „Closed. Gone fishing.“ „Das Schild mögen Sie an der Tür Ihres Friseurs sehen und sich ärgern. Wenn Sie dann später vorbeischauen und sagen: ,Hey, du hast geschlossen, um zu fischen?‘ kommt aber unter Garantie die Antwort: ,Oh ja, ich war erfolgreich! Magst du etwas davon haben?‘“

Bis 28. April 2019

im Münchner Museum Fünf Kontinente. Am 15. Oktober findet um 19 Uhr ein Künstlergespräch in den Räumen mit Helme Heine statt. Der Eintritt dazu ist frei. Mehr Infos unter www.museum-fuenf-kontinente.de.

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