Ein Kinderspiel, was sonst ?

- "Was für Max Reinhardt, und für mich mit ihm, zu finden äußerst reizvoll sein wird, ist ein durchgehender gehaltener Ton, ein Mittelton zwischen schauspielerischer und dilettantischer Recitation, wofür vielleicht in der Oberammergauer Tradition ein Anhalt zu finden ist." Das schrieb Hugo von Hofmannsthal über die Realisierung seines "Jedermann". Die neue Leitung der Salzburger Festspiele nahm den Dichter beim Wort und holte sich Christian Stückl, den zweimaligen Regisseur der Oberammergauer Passionsspiele.

  <P>Der ging nun mit dem Staubtuch über den Plüsch des alten Mysterienspiels, das seit 1920, seit es Max Reinhardt erstmals auf den Salzburger Domstufen inszeniert hat, im Wesentlichen unverändert geblieben war. Der schlichten, rührseligen Geschichte vom Sterben des reichen Mannes hat Stückl die Sentimentalität, auch die im Laufe der Jahrzehnte routinierte Versiertheit nehmen wollen und ihr also aus gutem Grund durchaus einen Hauch von Oberammergau beigefügt, indem er nicht nur seinen Jesus-Darsteller Anton Burkhart als Schuldknecht nach Salzburg mitgebracht hat, sondern eine Schar niedlichster Landkinder mit Pauken und Trompeten den Auftakt machen lässt. Die Kleinste von ihnen darf das Ganze dirigieren. Dann öffnen sie den mitgeschleppten Wäschekorb, entnehmen daraus Kostüme, verkleiden sich als Buhl und Buhlin, spielen Teufel, Gott und Tod und sind auch noch die Engel selbst. Ein Kinderspiel, was sonst?</P><P><BR>Der Einstieg ist wunderschön, denn er suggeriert: Dies ist die Perspektive, aus der wir heute auf den Text schauen sollten. Zu der fröhlichen Schar schickt Stückl dann Gott den Herrn höchst persönlich auf die Bühne. Der erste Profi betritt die Marmorstufen: Hans-Michael Rehberg, grandios und verrückt. Nicht mehr nur Stimme wie seit 1920 üblich, sondern bei Stückl, dem Fachmann fürs Religiöse, ist Gott konkret: ein Penner, der aus seinen Plastiktüten die Kruzifixe holt und sie an die Kinder verteilt. Ein armer Nachbar, dem man geringschätzig ein Geldstück vor die Füße wirft. Gerichtstag will er heute halten, da ihn niemand kennt. Und er ruft den Tod zu Hilfe. </P><P>Da ist Jens Harzer zur Stelle: in grau-schlammiger Gesichts- und Ganzkörperbemalung, auf leichten Stöckelschuhen, schlank und androgyn, mit markiger, zielgerichteter Stimme, entschiedenem Ton. Fast immer auf der Szene, zum Zupacken bereit, mal an der Seite, mal oben vor einer der Dom-Pforten, dann wieder auf einer der beiden Portaltreppen lungernd: Harzers junger Tod ist die gelungenste Figur des Abends, von zwingender Präsenz und kluger Dringlichkeit. Und, das ist so deutlich wie angenehm zu spüren, er hat nichts von dem parat, was das Stück ortsüblich verlangt. Keinerlei Salzburg-Routine.</P><P><BR>Jetzt haben die Schauspieler die Kinder auf der Bühne ganz abgelöst. Peter Simonischek, der Jedermann, ein attraktiver Kerl, den das Jungsein doch schon reichlich anstrengt, kommt mit großem Diener-Gefolge, und es tritt auf in komödiantischer Bestform der glänzende Tobias Moretti als Guter Gesell, dem Jedermann das Modell jenes Schlosses zeigt, das er seiner Buhlschaft zu schenken beabsichtigt.</P><P><BR>Die erscheint in Gestalt der deftig-sinnlichen Veronica Ferres als prächtiges Superweib auf einem Heuwagen. Inzwischen ist die Tafel fürs üppige Gelage hereingebracht worden; die Tischgesellschaft gruftiemäßig schrill. Nun greift sich die Buhlschaft vor den Augen ihres grauschläfigen Lovers einen faden Jüngling, knallt ihn auf die Tafel, öffnet seinen Gürtel, kriecht über ihn hinweg, um am Ende doch lüstern dem kindisch begeisterten Geliebten zu huldigen. Auch das erledigt sich am besten auf der reich gedeckten Tafel, auf der sich die rosa gewandete Schöne wie ein rohes, süßes Ferkel zum Anbeißen immer wieder präsentiert. Und alles unter den Augen zweier Kirchenmänner, die dem sinnenfrohen Treiben munter zusehen.</P><P><BR>Allmählich wird einem aber die Aufführung, deren Tonanlage und Mikroports in ihrer Aufdringlichkeit mächtig stören, lang und länger. Warum? Es sind doch weitgehend erstklassige Schauspieler auf der Szene. Doch es hat den Anschein, als zerfalle die Inszenierung zunehmend in ihre Einzelteile, als spiele man nicht richtig zusammen, als habe der Regisseur den großen Bogen nicht straff genug gespannt. Jedenfalls geht dem Unternehmen der Schwung des Anfangs nur zu rasch verloren.</P><P> Vielleicht stellt er sich ja mit den folgenden Vorstellungen noch ein. Dann würden auch die von allen Seiten hallenden Jedermann-Rufe, dann würden der explosionsartige Knall, mit dem die Tafel birst, sich der Theatermarmor spaltet und die Flammen des Fegefeuer züngeln, dann würden auch die streng schlagenden Glocken und der Dampf ablassende Teufel des in dieser Rolle ebenfalls volkstheater-witzigen Tobias Moretti nicht mehr nur bloßer Effekt sein.</P><P><BR>Mit den allegorischen Figuren, mit Glaube, Gute Werke und Mammon, der hier nur billig ein schwuler Stricher ist, aber auch mit der Rolle der Mutter weiß Stückl nicht viel anzufangen. Da ist ihm seine inszenatorische Gewitztheit abhanden gekommen. Einzig Sunnyi Melles, vor einigen Jahren selbst bislang unübertroffene, hinreißende Buhlschaft, macht dank ihrer Kraft und Ausstrahlung den Glauben ansehnlich.</P><P><BR>Mit dem Tod Jedermanns findet der Regisseur dann wieder zurück zur eigenen, vitalen Sprache. Eine Kiste wird auf die Bühne gebracht, Jedermann in seinem Büßerhemd hineingelegt, es kommen die Kinder vom Vorspiel, schauen zu, wie mit ein paar Hammerschlägen der Sarg vernagelt wird. Keine Engel schweben mehr herab, kein Halleluja, kein Vaterunser. Der Penner-Gott mit seinen Plastiktüten nimmt die Jungen und Mädchen unter seine Fittiche und verlässt mit ihnen den Ort des Todes. Niemand mehr da. Zeit für den schwarz verhüllten Cherub, der die Domstufen hinabschreitet und sich, welch edles Bild, auf Jedermanns hölzernes Bett setzt. Stilles Finale nach zwei Stunden.</P>

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