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Sie trägt die Aufführung in der Reithalle fast im Alleingang: die 26-jährige Nadine Zeintl als Sally Bowles in Werner Sobotkas Inszenierung.

"Cabaret": Kindfrau im deutschen Dunkel

München - Der verrauchte Kit-Kat-Club liegt für die nächsten Monate in Neuhausen. Auf seiner Zwangstour durch Münchner Exil-Spielstätten brachte das Gärtnerplatz-Team das Musical „Cabaret“ in der Reithalle heraus. Star und Kraftzentrum der Aufführung ist Nadine Zeintl als Sally Bowles.

Zumindest diese Sache wird immer aktuell bleiben. Wie da alle irgendwann einsehen, dass ein Augen-Ohren-zu-und-durch nichts mehr hilft. Erst recht nicht die ständigen Betäubungsversuche mit Hochprozentigem samt geiler Blicke auf die bestrapsten Schenkel im Kit-Kat-Club. Manche brauchen für diese Erkenntnis ein paar Kinnhaken der Nazis. Andere, wie Sally, eine Abtreibung des Kindes, das sie mit einem endlich Geliebten hatte. Aber sonst? Scheint „Cabaret“ von John Cander (Musik) und Joe Masteroff/ Fred Ebb (Texte) dann doch etwas aus der Zeit gefallen. Jede Aufführung also ist ein Blick ins Musical-Museum, auf eine wie eingefrorene Spieltradition und einst frivole Vergangenheitsbewältigung – besonders aber ist sie ein Kampf gegen den übermächtigen Oscar-Film.

Doch man kann die Spinnweben, die über dem Stück hängen, auch zerteilen (oder mit ihnen spielen). Und hier hat das Münchner Gärtnerplatz-Team mit seiner Neuproduktion tatsächlich einige entscheidende Punkte gemacht. Vor allem mit einer Hauptdarstellerin, die so ganz anders wirkt als die ewige Liza und sie deshalb schnell vergessen macht. Nadine Zeintl, die 26-jährige Österreicherin, ist kein lasziver Vamp, sondern: kulleräugige Kindfrau, derbes Gör, durchgeknalltes, zu weit aufgezogenes Riesenbaby, unkontrolliert, überdreht, wie aus einem Käfig ausgebrochen – und am Ende, wenn sie mit verweintem, verschmiertem Make-up sich noch einmal durchs große Solo zittert, umso tragischer, reifer.

Zeintl trägt diese Aufführung in der Reithalle fast im Alleingang, ist Kraftwerk, wenn die Dialoge mal wieder durchhängen (was im ersten Teil passiert) oder der Rotstift gefragt gewesen wäre. Mit Cliff, dem das Hyperkorrekte aus jeder Faser seines schmucken Dreiteilers (Kostüme: Elisabeth Gressel) blitzt, hat dieses seltsame Wesen wenig Mühe. Dominik Hess gibt folglich den netten, geschmeidigen Bruder von nebenan, eher Anspielpartner und Zielscheibe Sallys denn Mann der Tat.

Ganz stückgemäß glitzert da nichts in diesem Kit-Kat-Club (Bühne: Amra Bergman-Buchbinder). Nebelverwabert die Luft, fast blind die Spiegelwände. Und wenn die sich teilen, geben sie den Blick frei auf eine karge, nur mit Stühlen möblierte Arena. Oben im ersten Stock lässt es die Gärtnerplatz-Combo jazzig schmutzen, Andreas Kowalewitz, sonst mit Taktstock unterwegs, swingt mit zurückgegeltem Haar am E-Piano. Auch wenn die Choreographien von Ramesh Nair auf den Punkt sind und der Inszenierung dann hohe Umdrehungszahlen bescheren: Gefälliges, die dankbare Hitrevue, das alles meidet Regisseur Werner Sobotka. Immer wieder schlagen die Songs um in Aggressivität. Beim „Mein Herr“ lassen Sally und die Damen die Stühle im Rhythmus knallen, auf der Verlobungsfeier von Fräulein Schneider driftet das Schwofen in martialisches Stampfen, das Lied des Hitlerjungen (Felix Nyncke) taucht gleich mehrfach auf: Zum Grauen ist es nur ein Mini-, meist ein Marschschritt.

Recht schwül ist es in diesem Club. Doch dafür sorgt hier das Hallenklima samt schlechter Belüftung, weniger die Erotikbemühung auf der Bühne. Klar, da dürfen sich Männlein und Weiblein befingern, aneinander reiben, auch mal im Gegenlicht kopulieren. Aber wo’s prickeln und knistern sollte, grinst einem nur die verzerrte Fratze des Conférenciers entgegen: Markus Meyer, vom Burgtheater importiert, ist ein kraftvoller, aasiger Strippenzieher im fleckigen Frack, mehr Mephisto statt Entertainer, eine Kreuzung aus Batman-Joker und Vorkriegs-Harald-Schmidt, bei dem der ständige Griff zum Gemächt vom Running Gag zum Nervtöter wird.

Fast das ganze Drama dieser Endzeit schultern zwei Ergraute. Gisela Ehrensperger, die Lady Gärtnerplatz, ist zurückgekehrt. Ihr Fräulein Schneider gibt sie nicht als schlurfendes Muttchen, sondern als spätes Mädchen, eine Art Seniorenversion von Sally. Wie sie sich an Herrn Schultz heranmacht, den Franz Wyzner mit einer Riesenportion Herzensgüte ausstattet, wie diese Beziehung schließlich an seinem Jüdischsein scheitert, das ist berührender als alles andere – und transportiert mehr vom deutschen Dunkel als die Hakenkreuzbinde am Arm von Ernst Ludwig (Jens Schnarre). Jubel, teilweise auch Standing Ovations. Münchens neuer Kult-Abend? Das wäre zu hoch gegriffen. Eher die lohnende Begegnung mit einer sorgsam entstaubten, alten Musical-Bekannten.

Markus Thiel

Noch 22 Aufführungen

bis zum 27. Juli, Telefon 089/ 2185-1960.

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