Mit kindlicher Freude

- Sein Herzenskomponist Richard Wagner, dann auch noch der "Ring" und alles sogar auf dem Grünen Hügel: Es scheint, als sei Christian Thielemann (47) dort angekommen, wo er immer hinwollte. Der Experte für Deutschromantisches und Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker prägt derzeit - nach "Meistersinger", "Parsifal" und "Tannhäuser" - wie kein anderer Kollege das Geschehen im Bayreuther Graben.

Wird man in der ersten Saison überhaupt fertig mit dem ganzen "Ring"?

Christian Thielemann: Musikalisch gesehen kommt man schon zu einem Punkt. Ich kenn' das Stück ja wie meine Westentasche, trotzdem wird man immer wieder überrascht.

Und an welcher der vier Opern muss man besonders puzzeln?

Thielemann: Zwei sind sehr trickreich, was das Zusammenspiel, die Leichtigkeit und die Figuration betrifft: "Das Rheingold" und "Siegfried". Aber mit diesem tollen Orchester kann man ja auf dem denkbar höchsten Level ansetzen. Es liegt also eigentlich nur am Dirigenten, wenn es nicht gefordert wird.

Wie unterscheidet sich Ihr jetziger "Ring" von früheren Aufführungen?

Thielemann: Mein letzter "Ring" war in Berlin und ist vier Jahre her. Ich bin in vielen Dingen flüssiger geworden. Ich achte mehr auf Durchsichtigkeit, Leichtigkeit. Je besser man's kennt, desto mehr kann man sich erlauben. Alles, was ich jetzt bei Wagner anstelle, hab' ich in Bayreuth gelernt. In den nächsten fünf Jahren wird sich dieser "Ring" sicher auch wandeln. Ich muss erst mal sehen, wie das ist, vier Opern in einer Woche auszuspucken. Ich empfinde das als eines der größten Erlebnisse meiner Dirigentenzeit.

Und nach der letzten "Götterdämmerung" fallen sie in ein Loch.

Thielemann: Wahrscheinlich. Aber dann fahre ich nach Sylt in die Ferien und darf einen Riesentopf Eis essen. Das hab' ich mir dann auch verdient. Ich mache alles eben mit einer gewissen kindlichen Freude.

Ein Dramatiker als Regisseur: Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Arbeit?

Thielemann (lange Pause): Hm. Sie müssen erst mal sehen, dass Sie die vier Stücke überhaupt auf die Bühne gewuchtet kriegen. Während der Proben war manches noch nicht in dem Topf, wo's kochen sollte. Anderes dagegen wunderbar. Ich halt' mich da ziemlich raus, auch wenn ich zum Beispiel zur Positionierung der Sänger einiges sage. Aber ich bin kein Regisseur. Herr Dorst redet ja auch nicht bei meinen Tempi mit. Man sollte so eine Zusammenarbeit nicht zu einer Art Plisch und Plum hochstilisieren.

Wie weit darf denn ein Regisseur bei einem Thielemann-Dirigat gehen?

Thielemann: Der darf schon weit gehen, er muss es mir halt plausibel machen.

Sie meinten einmal, Schlingensiefs "Parsifal" hätten Sie in einer abgespeckten szenischen Version dirigiert.

Thielemann: Den Christoph kenn' ich ja. Und da hätt' ich auch ein bisschen mit ihm geredet. Det is ja 'n netter Junge. Er hat nur so einen Wildwuchs. Das ist schon toll. Aber irgendwann muss man mal mit der Gartenschere kommen. Letztlich geht's ums Handwerk. Quatschen und Konzepte entwickeln können wir alle. Auch so eine Errungenschaft der 68er. Aber zwischen Gehirnschmalz dreimal umbraten und tatsächlicher Umsetzung, da klafft auf einmal die Lücke.

Kann es sein, dass eine Inszenierung auch Ihr Dirigat lähmt?

Thielemann: Wenn ich merke, es kommt nichts von der Bühne, mache ich natürlich meinen Stiefel. Ich muss dann sehen, wie ich das Loch fülle. Und wenn ein wildes Geschehen da oben mir contre cœur geht, regt mich das genauso auf.

Alles redet vom "deutschen Klang". Hat sich da etwas in den letzten Jahren verändert?

Thielemann: Ja natürlich. Weil die deutsche Traditionspflege seit '68 in der Krise ist. Hier wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Also war auf einmal auch der dunkle, goldglänzende, deutsche Klang verpönt. Es gibt da so eine Scheu vor dem Eigenen. Alles hat sich während der WM über die deutschen Fahnen gewundert. Aber so was ist doch absolut normal. So nett und unangestrengt. Und noch mal zum Klang: Der macht auch ein Orchester unverwechselbar. Celibidache hat mit den Münchner Philharmonikern einen ganz bestimmten Klang erzeugen können. Es gab auch bei den Berlinern den Karajan-Sound. Das ist doch eigentlich die Aufgabe des Kapellmeisters. Es freut mich ja ungemein, dass gerade der Kollege Barenboim mit seiner Staatskapelle Berlin dieses besondere deutsche Klangideal verfolgt.

Ist Wotan mit dem Aktenkoffer womöglich passé´? Ist die politische Deutung des "Rings", wie sie mit Patrice Chéreau begann, ausgelutscht?

Thielemann: Das ist genau das, was wir hier versuchen: einen anderen Ansatz zu finden. Außerdem haben die visuellen Kollegen ganz andere Probleme als wir Kapellmeister. Das Bildergedächtnis ist ja viel stärker als das musikalische. Sie können heute, auch dank vieler Fotos, einem Regisseur vorhalten: Das sieht doch aus wie bei Wieland Wagner! Wo ich mir ein Crescendo abgeguckt habe, merken dagegen nicht so viele.

Mal abgesehen von der Akustik und vom Orchester: Was gibt es in Bayreuth, das man nirgendwo sonst findet?

Thielemann: Diese wunderschöne, beruhigende Landschaft. Neulich hatten wir wieder sechs Stunden probiert, da bin ich mit dem Auto rausgefahren auf einen Hügel und habe mir diese herrliche abendliche Gegend angeschaut. Dann freut man sich auf sein Weißbier. Und man hat dabei immer das Gefühl: Der Richard ist hier. Das ist Bayreuth.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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