Das Kino gibt dem Ungesehenen Bilder

- "Ich bin das Auge des Regisseurs" - so beschreibt Ken Adam seine Rolle. Stanley Kubrick, der Perfektionist, hätte ihm da sicher widersprochen. Die schwierige, aber ungemein produktive Arbeitsbeziehung zwischen dem Regisseur und seinem "Production Designer" ist bekannt. Dreimal, bei "Dr. Seltsam", "2001" und "Barry Lyndon", arbeiteten die beiden zusammen, und schufen unvergessliche Kinobauten. Das Werk Kubricks steht im Zentrum der diesjährigen Berlinale-Retrospektive, die unter dem Titel "Bewegte Räume. Schauplätze, Drehorte, Spielräume. Production Design + Film" den Blick auf den oft unterschätzten Anteil lenkt, den Bauten und Räume im Kino haben.

<P class=MsoNormal>Allein elf Langfilme von Kubrick laufen auf der Berlinale. "In sechs Tagen schuf Gott die Welt, am siebten schickte ihm Kubrick alles mit Reklamationen zurück", hat einmal jemand über das Kinogenie geschrieben. Keiner vor ihm legte so viel Gewicht auf die Gestaltung der Räume, kein Regisseur begriff den Drehort in ähnlicher Weise als eigenen Akteur - und immer wieder lohnt sich ein neuer Blick auf diese Filme.</P><P class=MsoNormal>Kubricks Kamera öffnet oder schließt den Raum, macht ihn mobil; seine Räume sind psychische Orte, werden oft zum Opponenten der Hauptfiguren. Man denke nur an das ständig sich um die eigene Achse drehende Raumschiff in "2001", das den Zuschauer selbst scheinbar schwerelos werden lässt. Unsere Vorstellung des Weltraums und des Lebens in einem Raumschiff dürfte durch diesen Film weitaus mehr geprägt worden sein als durch die Realität der Raumfahrt.</P><P class=MsoNormal>Es begann mit "Vom Winde verweht". Erstmals wurde im Abspann der Ausdruck "Production Design" benutzt und dadurch die Arbeit jener Leute aufgewertet, die zuvor namenlos blieben. "Production Design" meint mehr als Kulisse; seine Geschichte ist die von der immerwährenden Erschaffung neuer Welten: Ob die unglaublichen Riesenbauten des Babylon und des biblische Palästina in den Monumentalfilmen des frühen Hollywood, ob die Zukunftsstadt in dem riesigen Modell von Fritz Langs "Metropolis" oder die zwanghafte, sich in stillen Wahnsinn steigernde absurde Ordnung der Dinge in den neurotischen Räumen von Jacques Tatis "Mon Oncle" oder "Playtime" - das Kino gibt dem Ungesehenen Bilder und prägt damit unsere Vorstellungen bis ins Unbewusste hinein.</P><P class=MsoNormal>Zur Retrospektive die Ausstellung im Filmmuseum Berlin (bis 19. Juni 1005). Hier wird versucht, Fragmente einer Sprache des Production Design zu entwickeln, ihre Grammatik. So ist die Retrospektive in fünf Teile gegliedert - "Bühne", "Interiors", "Labyrinth", "Macht" und "Transit". Unter dem Aspekt der "Macht" etwa kann man einen Blick werfen auf das Großraumbüro in Billy Wilders "The Apartment", auf Godards "Alphaville" und Andrew Niccols hypnotischen "Gattaca". Überhaupt kommt das "Production Design" in keinem Genre besser zu sich selbst als im Science-Fiction: in "Brazil" oder "Alien" zum Beispiel. Verstörend ist die Mischung aus Futurismus und Entfremdung in Antonionis "L'é´clisse".</P><P class=MsoNormal>Filme zur Erziehung</P><P class=MsoNormal>Ganz im Hier und Jetzt verankert bleibt eine zweite Retrospektive, die unter dem Motto "Selling Democracy" einige Reeducation-Filme zeigt: kurze pädagogische Werke, die in Deutschland die Demokratie aufbauen und den Nazismus in den Köpfen vertreiben sollten. Eine spannende Wiederentdeckung. Eine Vorstellung des politischen Hintergrunds geben ergänzend Klassiker des Film Noir, die im Nachkriegsdeutschland spielen: Jacques Tourneurs "Berlin-Express" etwa und Billy Wilders "A Foreign Affair" (beide 1948). Hier wird die reale Trümmerwelt selbst zur unwirklichen Traumkulisse, die zertrümmerten Seelen entspricht.</P>

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