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Tilda (4) und der neue Lieblingsbär: In „Aschenbrödel und der gestiefelte Kater“ ist „MiKi“ der Animateur für die Kinder.

Kino mit Kasperle-Effekt

München - Ein ganz neues Format soll jüngeren Kindern Film nahebringen: das sogenannte Mitmach-Kino. Laut Trailer muss man sich das ein wenig so vorstellen wie Kasperle-Theater auf der Leinwand.

Das wahre Leben ist kein Kinotrailer. In dem stehen rund 80 Kinder und eine Handvoll Mütter fast frenetisch feiernd in einem Kinosaal. Klatschend, johlend, lachend, schreiend. Lebensfreude pur. Kino zum Mitmachen. So sehen glückliche Kinder aus. So soll’s sein.

Im Kinosaal macht sich das wahre Leben nach einigen Minuten durch ein nicht ganz leises Schnarchen bemerkbar: Ein Vater hinter uns hat schon kurz nach Filmbeginn den Schlaf des Gerechten gefunden. Keine Spur von Mitmachkino.

Aber er ist die Ausnahme. Die anderen vielleicht 60 Kinder und ein paar Handvoll Eltern sind mittendrin im Mitmachkino: „Aschenbrödel und der gestiefelte Kater“. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der kleine Paul und sein Kuschelbär MiKi (MiKi=Mitmach-Kino). Gut, dass es MiKi im zuvor gekauften „Märchen-Menü“ als Geschenk obendrauf gab. So war MiKi längst in Tildas Arm, als sich der Kuschelbär im Kino den Kindern vorstellte. Sich, Paul und dessen kleine Märchenwelt. MiKi ist es dann auch, der Kindern und Eltern erklärt, dass das Kino heut’ Nachmittag ein bisschen anders funktioniert als sonst. Nichts mit still sein, nichts mit brav sitzen bleiben. Mitmachkino eben: Hier ist Jubeln und Tanzen angesagt. Verstanden? Doch statt laut „Ja“ zu schreien, wird die erste Aufforderung zum Mitmachen von Tilda erstmal mit einem zögerlichen Nicken quittiert. Hatte Mama nicht unlängst beim allerersten Kinobesuch mehrfach erwähnt, dass man im Kino den Mund halten soll...??? Andere sind schon jetzt ein bisschen lauter.

Bis zur nächsten Aufforderung zum Mitmachen vergehen dann aber viel zu lange Minuten. Eben diese Minuten, die den Vater hinter uns einschlafen und bei Tilda die Mitmach-Idee noch nicht ganz sacken lassen.

Doch irgendwann beginnt er dann, der Ausflug ins Reich der Märchen. Mit einem liebenswerten Paul, nicht ganz kleinkindgerecht geschminkten Schauspielern: „Mama, die sind aber hässlich.“ – „Und warum ist die böse Stiefmutter ein Mann?“ – und immer wieder MiKi. Aber leider: Der Erklär-Bär taucht oft viel zu dezent und stumm gestikulierend in der rechten unteren Leinwandecke auf. Unbemerkt von vielen aufs Märchen konzentrierten Kindern. Die Folge: Wie im richtigen Leben müssen an diesen Stellen die Erziehungsberechtigten herhalten, wenn es gilt, den Nachwuchs zum Mitmachen zu animieren. Die Trefferquote: etwa 50 Prozent. Bei den Müttern ist sie fast höher.

Gesteigert wird die Aufmerksamkeit deutlich, wenn die Schauspieler die Kinder direkt von der Leinwand ansprechen und zum Mitmachen auffordern. Das gibt den Kasperle-Effekt. Und der macht – ganz wie im Kasperle-Theater – Tilda am meisten Spaß, wenn sie statt des geforderten „Jaaaaaaaaaaaa!!!“ ein „Neeeeeinnn“ in den Kinosaal schmettert. Auch andere Kinder sind voll dabei und nochmals andere, die ganz still in den Sitzen sitzen, schauen verwundert genau jene Kinder an. Doch von einer Stimmung wie im Trailer sind wir im Kinosaal noch weit entfernt. Am Ende gibt es in der Reihe vor uns sogar deutliche Worte. Ein Bub mault: „So ein blöder Film.“ Tilda aber mault zurück: „Das ist doch kein blöder Film.“ Es ist wie bei dem Großen: Am Kino scheiden sich die Geister. Ein großes Mädchen, etwa sieben, moniert dann noch beim Rausgehen: „Das ist ein Film für kleine Kinder.“ Das will er auch sein. Aber auch für Erwachsene ist er sehenswert: eine liebevoll inszenierte und zauberhafte Hommage an das Märchen – mit ausbaufähigen Aufforderungen zum Mitmachen.

Das persönliche Fazit:

„Tilda, wie hat dir der Film gefallen?“

„Gut.“

„Welcher Film hat dir besser gefallen: ,Das kleine Gespenst‘ oder der hier?“

„,Das kleine Gespenst‘.“

„Warum?“

„Darum...“

„Aber der Bär ist jetzt mein neues Lieblingsstofftier.“

Also doch, ein glückliches Kind. So soll’s sein.

* Kleines Ärgernis am Rand: Der Film wirbt mit einer kindgerechten Länge von 60 Minuten. Damit’s den Kleinen nicht zu lang wird. Schade, wenn Eltern und vor allem Kinder im Vorfeld mit zwei Etappen überlanger Werbung strapaziert werden. „Wann geht’s endlich los?“ Die Frage wurde bei uns vor Filmbeginn exakt acht Mal gestellt.

Claudia Muschiol

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