Das Kino der Welt stellt sich gegen Präsident Bush

- Die Moral hat über die Kunst gesiegt, das Eindeutige, Grelle über Mehrdeutigkeit und Sensibilität, Pamphlet über Atmosphäre, Sendungsbewusstsein über Skepsis: Michael Moore heißt der Gewinner an der Croisette, Wong Kar-wei der Verlierer. Und doch ist der größte Sieger von allen das asiatische Kino.

<P>Mit der Goldenen Palme für "Fahrenheit 9/11" hat die Jury um Quentin Tarantino einen politischen Preis vergeben: Das Kino der Welt stellt sich gegen George W. Bush. Michael Moore zeigt in seiner beklemmenden US-Innenansicht ein Land, das von einer Clique von Reichen regiert wird, die über Leichen gehen, nicht zuletzt die ihrer eigenen Landsleute, jener Soldaten aus den Armenvierteln, die als Kanonenfutter dienen.</P><P>Und doch: Bei aller Klarheit der Aussage lebt Moores Film weniger von großen Thesen, als von genauer Beobachtung und kleinen Einsichten. Sie fügen sich zu einem Mosaik der Schande. Manches bleibt zwar zu wünschen übrig, so etwa stört, dass der linke Patriot Moore kein Wort über die Lager von Guantanamo verliert. In seinen besten Momenten ist "Fahrenheit 9/11", dessen Titel von Truffauts Orwellscher Vision "Fahrenheit 451" inspiriert ist, aber eine elegante Totalitarismus-Studie. Über den Tag hinaus wird der Film freilich kaum Bestand haben, zu sehr bleibt alles eine Momentaufnahme mit schneller Halbwertzeit.</P><P>Die Sieger aus Asien: eine Neugeburt der Fantasie</P><P>Die eigentliche Sensation ist, dass gleich vier von insgesamt sieben Palmen nach Asien gingen. Mit sechs von 19 Filmen im Wettbewerb, weiteren zwei außer Konkurrenz, Dutzenden zusätzlich in den Nebenreihen, dominierte das Kino aus Fernost diesmal wie noch nie zuvor in einem Festival. Und das zurecht: Was vor 30, 40 Jahren im europäischen Kino geschah, passiert heute in Asien: Aufbruch, künstlerische Revolution, eine Neugeburt der Fantasie. Man kann diesem Kino rettungslos verfallen. Der, wenn nicht beste, so doch stärkste Asiate war "Old Boy" des Koreaners Park Chan-Wook. Er bekam mit dem "Großen Preis der Jury" die zweitwichtigste Palme, quasi den "Herzenspreis". Egal ob man bei dieser Rachegeschichte nun an "Kill Bill" denkt oder an den "Graf von Monte Christo" - der Film ist so eindringlich wie hochgebildet, so elegant wie verstörend inszeniert. Wo Tarantino ästhetisiert, guckt Park einfach hin; und sei es, wenn die Hauptfigur einen Tintenfisch bei lebendigem Leib verspeist.</P><P>Auch der Schauspielpreis für den Japaner Yagira Yuuka ("Nobody Knows") und der Jurypreis für den thailändischen "Tropical Malady" waren verdient. Und mit Maggie Cheung bekam die wichtigste chinesische Darstellerin bereits ihren dritten Festivalpreis. Cheung spielt die Hauptrolle, eine Frau am Abgrund, in "Clean". Dies ist zwar nicht der beste Film ihres Ex-Mannes, des Franzosen Olivier Assayas, gleichwohl aber ein Werk mit hypnotischen Qualitäten. Zugleich gilt die Palme auch Cheungs Nebenrolle in "2046", dem künstlerisch spannendsten Film im Wettbewerb. Man hatte Wong Kar-wai ("In the Mood for Love") mehr zugetraut, insofern dürfte der Hongkong-Regisseur enttäuscht sein.</P><P>"2046" bietet vom ersten Bild an aufregendes Kino: Die atemberaubende Geschichte einer unmöglichen Liebe, auf fragmentarische Weise erzählt in losen, assoziativen, aber nuancierten Bildern, die sich zu einem dichten und genau rhythmisierten atmosphärischen Teppich fügen, wie er im gegenwärtigen Kino ohne Beispiel ist. "Metropolis" ohne Expressionismus, "Blade Runner" ohne Punk, angesiedelt in Hongkong 1966-1969 und in der Zukunft des Jahres 2046.</P><P>War "2046" wohl zu kompliziert, um auf Anhieb alle Herzen zu gewinnen, er wird Bestand haben. Zugleich war der Film repräsentativ für einen überaus starken Wettbewerb, der viele unterschiedliche Filme bot, von denen jeder seine sehr eigene Note besaß. Das genaue Gegenteil des politisch-kulturellen Kompromisskinos, das die Berlinale dominierte. Cannes zeigte sich mutig, voller Interesse an wenig bekannten Regisseuren und neuen Filmsprachen. Darum war auch die Jury nur zu beglückwünschen für die Courage, jenes altbackene, pseudopolitische Konsenskino zu ignorieren, für das diesmal Emir Kusturica ("Life is a miracle") und Walter Salles ("Motorcycle Diaries") standen. Dann bitte lieber ein politisches Pamphlet.</P><P align=right>RÜDIGER SUCHSLAND</P><P>Die Preisträger von Cannes</P><P>Goldene Palme: "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore (USA)<BR>Großer Preis der Jury: "Old Boy" von Park Chan-wook (Südkorea)<BR>Beste Darstellerin: Maggie Cheung (China/Hongkong) im Film "Clean" von Olivier Assayas (Frankreich)<BR>Bester Darsteller: Yuuya Yagira (Japan) im Film "Nobody Knows" von Kore-eda Hirokazu (Japan)<BR>Beste Regie: Tony Gatlif (Frankreich) für "Exils"<BR>Bestes Drehbuch: Agnes Jaoui und Jean-Pierre Bacri (Frankreich) für "Comme une image"<BR>Preis der Jury: "Maladie tropicale" von Apichatpong Weerasethakul (Thailand) und die Schauspielerin Irma P. Hall (USA)<BR>Goldene Kamera für den besten Debütfilm: "Mon tré´sor" von Keren Yedaya (Israel)<BR>Goldene Palme für den besten Kurzfilm: "Trafic" von Catalin Mitulescu (Rumänien)<BR>Großer Preis der Jury für den besten Kurzfilm: "Flatlife" von Jonas Geirnaert (Belgien)<BR>Preis der Reihe "Un certain regard": "Moolaad" von Sembene Ousmane (Senegal)<BR>"FIPRESCI"-Preis der internationalen Filmkritik: "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore (USA)<BR>Preis der ökumenischen Jury: "Diarios de Motocicleta" von Walter Salles (Brasilien)<BR>Filmpreis der Cinefondation: "Happy now" von Frederikke Aspöck (Dänemark)</P>

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