Die Kinoleinwand als Friedensbrücke

München - "Friede ist oft nur eine Utopie. Umso wichtiger ist, dass sich die Menschen künstlerisch damit auseinandersetzen“, sagte Christian Wolff bei der zehnten Verleihung des Bernhard-Wicki-Filmpreises im Münchner Cuvilliés-Theater.

Es war der erste emotionale Höhepunkt dieses an Emotionen so reichen Abends: Gerade hatte der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier von seinen Besuchen in der palästinensischen Stadt Jenin berichtet, einem „Hotspot der Gewalt“. Dass dieser Ort im Westjordanland heute aber auch für die Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten stehe, sei dem Projekt „Cinema Jenin“ zu verdanken, sagte der SPD-Politiker. Palästinenser, Israelis, Helfer aus aller Welt haben hier gemeinsam das alte Filmtheater wieder mit Leben erfüllt - „in Jenin, in dieser lange belagerten Stadt, ist Kino oft das einzige Fenster in eine hoffnungsvolle Zukunft“. Dann bittet Steinmeier Ismael Khatib auf die Bühne des Cuvilliés-Theaters. Ohne dessen „ganz persönlicher Entscheidung von übermenschlicher Größe“ gebe es das Projekt „Cinema Jenin“ nicht: Khatib spendete die Organe seines zwölfjährigen Sohnes Ahmed, der von israelischen Soldaten erschossen wurde, und rettete so auch israelischen Kindern das Leben.

Als der große, hagere Mann auf die Bühne kommt, erheben sich augenblicklich die 450 Gäste im Rokoko-Theater, um minutenlang zu applaudieren. Zusammen mit dem Filmemacher Marcus Vetter, der das Projekt initiiert und dokumentiert hat, nimmt Khatib den Sonderpreis des Bernhard-Wicki-Filmpreises entgegen. Die Auszeichnung, sagt er, sei für alle, „die geholfen haben, unser Kino wiederaufzubauen“. Dieser Sonderpreis ist ohne Zweifel die wichtigste Entscheidung der Jury.

Die dänische Regisseurin Susanne Bier wurde für „In einer besseren Welt“ mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. „Wir finden keine Antworten in diesem Film. Aber wir finden die Fragen“, erklärte Avi Primor, der ehemalige israelische Botschafter in Berlin, in seiner Laudatio: „Susanne Biers Filme sind unentbehrlich für unser Leben.“ Der Friedenspreis des deutschen Films ist nicht die erste Auszeichnung, die Bier für ihre Produktion entgegennehmen durfte. Dennoch erklärte sie: „Selbst in diesem Jahr, in dem ich den Oscar und den Golden Globe erhalten habe, ist ein Preis, der den Film mit dem Thema Frieden verbindet, von ganz besonderer Bedeutung.“

Bubenhaft schelmisch reagierte Maximilian Schell darauf, dass er mit dem undotierten Ehrenpreis augezeichnet wurde: „Ich habe bis jetzt nicht verstanden, warum ich diesen Preis kriege. Ich habe nie etwas für den Frieden getan. Ich habe einfach gelebt.“ Gero von Boehm legte in seiner launigen Laudatio Wert auf die Feststellung, dass der Preis auf keinen Fall Schells Lebenswerk würdige. Das sei noch nicht abgeschlossen - „und wir müssen bei ihm mit allem rechnen“. Den 80-jährigen Schauspieler und Regisseur charakterisiere seine „tiefe Verachtung für das künstlerische und menschliche Mittelmaß“.

Und aus diesem Grund gehört natürlich auch Schell zum Kreis der Friedenspreisträger, denen gemein ist, dass sie sich durch „kreative Intelligenz und tiefe Menschlichkeit“ auszeichnen, wie Gastgeberin Elisabeth Wicki-Endriss formulierte. Ohne sie als Gründerin und Herz des Bernhard-Wicki-Gedächtnisfonds gebe es diese wertvolle Auszeichnung nicht. Die gesellschaftliche Relevanz ihres Preises steht nach diesem Abend außer Frage.

Michael Schleicher

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