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Mit speziellen Angeboten für ältere Zuschauer versuchen viele Kino-Betreiber, eine Generation in ihre Häuser zurückzuholen, die mit dem Kino aufgewachsen ist. Als die Filmtheater aber immer mehr zu Abspielstationen für Blockbuster wurden, kehrte dieses Publikum den Lichtspielhäusern den Rücken.

Wandel der Filmtheater-Landschaft

Kinos entdecken die Generation 50 plus

München - Deutsche Lichtspielhäuser bieten nicht mehr nur Popcorn-Eimer, Cola und Blockbuster – mit neuen Formaten locken Kinos die Generation 50 plus. Die kommt wieder zurück in die Säle – auch wegen besonderer Luxus-Angebote.

Ticketkasse. Schlange stehen. Popcorn-Eimer und Literbecher Cola. Dann: Werbung, Werbung, Werbung. „Will irgendwer ein Eis?“ Der Film beginnt. Nach einer gefühlten Ewigkeit. Viele deutsche Großkinos erinnern mehr an die Massenabfertigung eines Fastfood-Restaurants als an den hohen Filmgenuss, den sich die Multiplex-Häuser offiziell auf die Fahnen geschrieben haben. Jahrelang hatte diese Filmkultur Menschen jenseits der 50 abgeschreckt. Doch Angebote und Ausstattung in der deutschen Kinolandschaft ändern sich – und immer mehr ältere Menschen nehmen sie gerne an.

Zahlen der Filmförderungsanstalt (FFA) belegen den Wandel: Im Vergleich mit 2002 lösten im Jahr 2011 rund 21 Prozent mehr Menschen über 50 eine Kinokarte – bei den über 60-jährigen Besuchern stieg die Zahl sogar um 80 Prozent. Auch wenn der Teil der jungen Kinogänger noch immer klar dominiert: „Es kommt ein Publikum zurück ins Kino, das in der Regel älter ist“, bestätigt Kinobetreiber Hans-Joachim Flebbe, ehemaliger Chef und Gründer der Cinemaxx-Gruppe.

Der Multiplex-Pionier sagt, er habe vor einigen Jahren erkannt, wie unwohl sich viele ältere Leute in den auf jugendlich getrimmten Kinos fühlten. Seine Lösung: ein Kinoerlebnis wie ein Theaterbesuch. Flebbe baute in einigen deutschen Großstädten die Astor Filmlounges auf – und die Besucher kamen in die Häuser, ließen ihr Auto vom Parkservice wegbringen, gaben ihre Mäntel an der Garderobe ab und ließen sich am Platz bedienen. Eine „unheimlich schöne Erfolgsgeschichte“, sagt Flebbe.

Diesen Trend haben mittlerweile auch andere Kinobetreiber erkannt. Im Münchner Gloria Palast der Kette Kinopolis, dessen Saal eher an ein Theater erinnert, gibt es seit einigen Monaten Gambas und orientalischen Couscous – nach dem Motto „Delikatessen nicht nur auf der Leinwand“ (wir berichteten). In Nürnberg hat das Multiplex-Kino Cinecittà einen „Deluxe-Saal“ eingerichtet, aus 260 Sitzen wurden 104.

Bei den großen Kinoketten Cinestar und Cinemaxx setzt man nur vereinzelt auf Luxus, dafür umso stärker auf sogenannten Alternative Content. Ob eine Oper aus New York, Konzerte der Berliner Philharmonie oder Londoner Theater-Inszenierungen: „In den meisten Fällen sind die Angebote live und werden per Satellit auf unsere Leinwände gestreamt“, erklärt Cinemaxx-Sprecherin Ingrid Breul.

Die Ketten machen nach eigenen Angaben ein gutes Geschäft mit solchen Vorstellungen, die vorwiegend von Älteren genutzt werden. „Viele Gäste kleiden sich sogar dem Anlass entsprechend feierlicher“, heißt es bei Cinestar.

Für den Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) haben auch Schlüsselfilme die über 50-Jährigen zurück vor die Leinwände geholt, die französische Komödie „Ziemlich beste Freunde“ etwa oder Sönke Wortmanns Fußball-WM-Dokumentation „Deutschland – ein Sommermärchen“, wie Geschäftsführer Andreas Kramer erklärt: „Da waren plötzlich Leute im Kino, die 30 Jahre nicht im Kino waren.“ Dabei sei diese Generation mit dem Kino aufgewachsen, dann aber aus dem jugendlichen Zuschnitt vieler Häuser herausgefallen. Dies änderten die Betreiber nun zwangsläufig. Es gebe immer mehr ältere Menschen – und damit auch immer mehr Leute, die bereit sind, mehr für einen Kinobesuch zu zahlen. Die meisten Nobel-Angebote kosten den Besucher mindestens fünf Euro Aufschlag.

„In zehn Jahren wird das Publikum deutlich älter sein, und die Kinos müssen sich auf dieses ältere Publikum auch einstellen“, glaubt auch Kinobetreiber Hans-Joachim Flebbe. Deshalb lasse er das Berliner Traditionskino Zoo Palast gerade als Mischung aus Luxus-Kino und Multiplex umbauen. Die Aufschläge bei den Tickets seien gering, die Ausstattung des Hauses trotzdem gehoben, verspricht er. Dieses Kino soll ein Kompromiss für Junge und Alte werden.

von Benno Schwinghammer

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