Die Kirche färbt ihre Vergangenheit schön

- Mit "Hitlers willige Vollstrecker", einer grundlegenden und provokativen Arbeit zum Verhalten der "ganz normalen" Deutschen während des Nationalsozialismus, löste der US-Historiker Daniel J. Goldhagen 1996 heftige Kontroversen aus. Zugleich wurde das Werk ein nachhaltiger Erfolg. Für Aufsehen sorgt jetzt auch sein neues Buch "Die katholische Kirche und der Holocaust" (Siedler Verlag). Heute Abend, 20 Uhr, stellt Goldhagen sein Buch im Münchner Literaturhaus vor und diskutiert mit dem katholischen Politikwissenschaftler Hans Maier.

<P>Was ist aus Ihrer Sicht das Neue an Ihrem Buch?</P><P>Goldhagen: "Hitlers willige Vollstrecker" fragte: Wer tat was? Und: Warum taten sie es? Mein neues Buch fragt: Wie beurteilen wir das?. Wie kann man es wiedergutmachen? Es geht um Prinzipien.</P><P>Sie zeigen, dass das Handeln der Kirche in klarem Widerspruch zu deren eigenen Prinzipien _ wie sie etwa im Katechismus proklamiert werden _ stand, und sprechen von einem "Verrat an den Gläubigen" . . .</P><P>Goldhagen: Ich zeige, dass die Doktrin der Kirche von ihr nicht befolgt wurde. Zum Beispiel ist im Katechismus von der "moralischen Pflicht" die Rede, Unrecht zu reparieren, dass man also die volle Wahrheit bekennen soll. Das geschieht aber nicht. Die Kirche färbt ihre Vergangenheit schön und greift Leute an, die in historischen Arbeiten unliebsame Wahrheit veröffentlichen. Das sollte aufhören! Alles, was die Kirche tun muss, ist nach ihren eigenen Prinzipien zu leben.</P><P>Sie machen die Kirche auch für nach wie vor grassierenden Antisemitismus verantwortlich?</P><P>Goldhagen: Millionen Katholiken in der Welt glauben noch immer aufgrund von kirchlichen Texten, dass die Juden Schuld am Tod Christi seien. Das ist schlicht antisemitisch. Die Kirche hat jahrhundertelang Hass gesät und sollte nun mit demselben Aufwand auch dagegen kämpfen. Denn die Bibel selbst ist voller Antisemitismus: Stellen Sie sich einmal vor, es gäbe ein Buch, in dem stünde: Deutsche sind Kinder des Teufels, Schlangenbrut, unfähig, Gott zu hören und noch Hunderte solcher Passagen, angeblich alles Worte Gottes. Was würden Sie sagen?</P><P>Immerhin: Die Kirche öffnet die Archive . . .</P><P>Goldhagen: Kleinere Archive wurden zwar geöffnet. Doch die wirklich brisanten Unterlagen im Vatikan bleiben verschlossen. Mein Buch belegt viele Beispiele für schockierendes Verhalten der Kirche, sowohl der Institutionen, als auch vieler Priester.</P><P>In Ihrem Buch gab es eine fehlerhafte Bildzeile, die zum Anlass genommen wird, das Werk als Ganzes in Frage zu stellen. Ändert sich etwas an den grundsätzlichen Aussagen? Müssen wir mit weiteren Fehlern rechnen?</P><P>Goldhagen: Nein, das war ein Einzelfall. Der fehlerhafte Bildtext stammt aus einem renommierten Archiv. Wir haben sofort gesagt, dass wir das gern korrigieren. An den grundsätzlichen Fakten und Bewertungen ändert sich gar nichts. Das Beispiel zeigt leider nur, das Teile der Kirche die Diskussion über ihr Verhalten unterdrücken wollen.</P><P>Wie schätzen Sie die Reaktion auf Ihr Buch ein?</P><P>Goldhagen: Wann immer Sie ein Tabu brechen und sich mit Themen befassen, die Menschen sehr nahe gehen, ihre Weltsicht hinterfragen, reagieren manche Leute allergisch. Das geschah mit meinem letzten Buch, das den Gründungsmythos im Nachkriegsdeutschland thematisiert: Niemand habe etwas gewusst, fast alle seien Opfer eines Terrorapparates gewesen. Ähnlich verleugnen große Teile der Kirche wesentliche Aspekte der eigenen Vergangenheit. Ich verstehe die emotionalen Reaktionen. Aber das Buch hat eine differenziertere Aussage. Egal, wie manche Kritiker es beschreiben: Es geht nicht um Sensationen, sondern um die nüchterne und logische Entwicklung moralischer Prinzipien und ihre Anwendung. Die Leser sollten sich selber ein Urteil bilden.<BR></P>

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