Kirche und Holocaust

- "Die katholische Kirche und der Holocaust": Spätestens seit Erscheinen von Rolf Hochhuths "Der Stellvertreter" ist das ein heikles Thema _ und ein Dauerbrenner. Nur langsam wagt sich die katholische Kirche auch in Deutschland an ihre Geschichte in der NS-Zeit. In Bayern öffnete das Erzbistum München und Freising jüngst den Nachlass Kardinal Faulhabers, ein Antidemokrat, aber kein Nazi.

<P>Die Diskussion könnte jetzt neu entbrennen. Kommende Woche erscheint Daniel J. Goldhagens Buch "Die katholische Kirche und der Holocaust". Er wirft der Kirche vor, den Massenmord der Nazis an den Juden ideologisch und praktisch unterstützt zu haben. Kirche und Klerus hätten in ganz Europa viele Verbrechen gegen die Juden begangen und unterstützt, so Goldhagen jetzt im "Stern". Er fordert eine moralische Abrechnung mit dem Verhalten der Kirche. "Die deutsche Kirche half sogar aktiv und willig, die Rassengesetze durchzusetzen, indem sie Zugang zu Abstammungsurkunden aus Kirchenarchiven gewährte."</P><P>Der katholischen Kirche wird es nicht leicht fallen, die Vorwürfe zurückzuweisen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, versucht sich im gleichen Magazin an einer Einordnung der Aussagen. So behauptet er, bis zu 80 Prozent der im deutschen Machtbereich überlebenden 900 000 Juden seien von kirchlichen Einrichtungen gerettet worden.</P><P>Tatsächlich harrt der Themenkomplex noch der Erforschung, vor allem die von Lehmann genannte Zahl dürfte viel zu hoch gegriffen sein. Beim Berliner "Zentrum für Antisemitismusforschung" beispielsweise gibt es seit 1997 ein Forschungsprojekt über "Die Rettung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1945". In mühsamer Kleinarbeit rekonstruieren die Historiker die Fälle von "Rettern" und "Geretteten". Bisher konnten etwa 2000 Datensätze von Frauen und Männern, die jüdischen Verfolgten geholfen haben, und 1400 von Juden, die untertauchen konnten, angelegt werden.</P><P>Lehmann bedauert aber selbst, dass Papst Pius XII. den Holocaust nicht öffentlich angeklagt habe. Auch sei es erschreckend, dass die Bischöfe seinerzeit die Bedeutung der Menschenrechte nicht im heute üblichen Maße erkannt hätten. Lehmann sprach sich dem Magazin zufolge für eine vollständige Öffnung der Vatikan-Archive aus: "Ich bin sicher, es würde sich dann auch viel Entlastendes für die Kirche finden."</P><P>Daniel Jonah Goldhagen: "Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne". Siedler Verlag, München. 356 Seiten, 19,90 Euro. Das Buch erscheint kommende Woche.<BR></P>

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