Kirchner in Kochel: Da fetzt’s durch die Atmosphäre

Kochel - Alles ist in Bewegung: Im Bernrieder Buchheim-Museum steht Zirkus im Mittelpunkt einer facettenreichen Schau. Im Münchner Haus der Kunst macht „Move" die Besucher zu Mitwirkenden. In Kochel lässt das Franz Marc Museum mit Ernst Ludwig Kirchner die Puppen tanzen.

Im Franz Marc Museum in Kochel am See erzählt eine Ausstellung von der Faszination, die Tanz, Zirkus und Cabaret-Auftritte auf den Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) ausübten. Es war die Zeit zwischen 1908 und 1915, es war die Zeit, in der er sich von Dresden nach Berlin oder Hamburg orientierte: Dynamik, Sex, Außenseitertum fetzten durch die Atmosphäre. Übersteigerte Lebenslust fieberte in der Großstadt, und Lebensunsicherheit dämmerte herauf - der Erste Weltkrieg war nah. Außerdem stilisierten sich viele Künstler zu genialen Außenseitern, die sich zu der exotischen Unterhaltungs-Welt hingezogen fühlten.

Direktorin Cathrin Klingsöhr-Leroy wollte eigentlich eine Kabinett-Ausstellung konzipieren. Nun hat sie so viele gute Leihgaben (Frankfurter Städel, Kirchner-Museum Davos, Privatsammler) bekommen, dass die neue Präsentation das ganze zweite Obergeschoss füllt. Neben Kirchner gibt es einige wenige Arbeiten von Erich Heckel und Max Pechstein zu sehen. Witzig der Brief an Franz Marc, in dem sich Kirchner als Pierrot mit stattlichen Segelohren porträtiert. Gerade dieser Reichtum an Gemälden, Druckgrafik, Aquarellen und Skizzenblättern vergegenwärtigt wunderbar anschaulich, wie sich der Expressionist in das Thema stürzte. Spannend dabei, wie der Symbol-Raum aus diesen uralten Kultur-Formen vom Tanz bis zum Zirkus die Möglichkeiten des Künstlers erweiterte. Dabei geht es nicht allein um die Expression, es geht stark darum, immer raffiniertere Bildkompositionen zu bauen.

Atemberaubende Konstruktionen sind etwa die Gemälde „Blaue Artisten“ (1914) oder „Pantomime Reimann: Die Rache der Tänzerin“ (1912). Die Gruppe der Artistinnen ist an sich schon verzwickt kombiniert, schwebt zusätzlich in einem Gewirr von Trapezstangen und Sicherheitsnetz. Weit unter ihr die Zuschauer - über ihr der Standpunkt des Malers. Diese abgehobene Sonder-Welt wird ins Ironische gedreht bei der Tänzerin, deren Fächer sich öffnet wie ihr Unterrock. Auch ihr Kostüm zitiert das Carmen-Klischee. Dazu passt der Mann, der wie im Sturzflug ihr zu Füßen hingekracht ist. Wildes Tanztheater? Ein nachdenkliches Sinnbild? Eine Parodie? Kirchner lässt das offen, genießt dagegen die rasanten Diagonalen, die frivolen Rüschen und den unbeteiligten, distanzierten Blick der Frau.

Das Marc-Museum hat zu all diesen exquisiten Gästen eine nette Überraschung beizutragen. Auf der Rückseite eines Hafen-Stücks von Erich Heckel (1883-1970) übt ein Seiltänzerpaar mit Schirmen. Eine Grafik von Kirchner zeigt, dass er und sein Freund die gleichen Artisten zum Vorbild hatten. Nun schweben sie sozusagen doppelt - während andere im Cancan die Beine werfen, im Apachentanz den Geschlechterkampf und archaische Wildheit üben (afrikanische Skulptur im Hintergrund!) oder im Hängerchen das poetische Mädchen geben.

Simone Dattenberger

27. Februar bis 8. Mai,

täglich außer Mo. ab 10 Uhr; Begleitheft: 9,80 Euro.

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