+
Ein Kontrollator, auch bei Beethovens Opus Summum: Kirill Petrenko.

KONZERTKRITIK

Kirill Petrenko mit Beethovens Missa Solemnis: Großereignis für den Intellekt

  • schließen

Erstmals dirigiert Kirill Petrenko Beethovens Missa Solemnis in München. Eine erstaunliche Aufführung - aber ging sie auch zu Herzen?

München - Mount Everest, das sagt sich so leicht. Doch vermutlich ist Beethovens Opus Summum eher der K2 der Kirchenmusik, schrundiger, absturzgefährlicher, auch ratloser machend als Bachs h-Moll-Messe, die noch ein Stück weiter oben liegt, bei dem, um den sich in beiden Werken ja alles dreht. Wer die Missa Solemnis bewältigen will, muss sein Metier nicht nur beherrschen, sondern auch Farbe bekennen, in jeglicher Hinsicht. 

Eine erstaunliche Aufführung. Gerade weil es nicht (nur) um Kraftakte und Muskelspiele geht. Gewiss dürfte dies, gerade im Gloria, eine der denkbar lautesten, brausendsten Deutungen sein. Doch entscheidender ist, wie Kirill Petrenko das Geschehen zurückholt. Wie er mit dem wunderbar mitgehenden Staatsorchester lichtet, hier einen Widerhaken platziert, dort Holzbläser-Verläufe modelliert oder Platz macht, damit sich das Stimmengeflecht des Chores entfalten kann, am eindrucksvollsten im Credo.

Monumentale Ausgelassenheit

Andere suchen bei der Missa Solemnis ihr Heil in der Überwältigung, Petrenko gibt wie immer den Kontrollator. Auch weil er, am gravierendsten in den beiden Fugen, das Geschehen bis an die Tempo-Grenzerfahrung peitscht. Doch kein blindwütiges Rasen, keine Hetzjagd, eher so etwas wie eine monumentale Ausgelassenheit. Wie der Staatsopernchor dies bewältigt, wie sich Volumen mit Flexibilität verbindet, das ist die stärkste Erfahrung dieser Matinee. Etwas mehr Textprägnanz, man würde nicht ständig und vergeblich nach dem inaktiven Übertitel-Feld schielen. Und so extrem unterschiedlich die Solisten sind, so nahe am Ideal bewegen sich Okka von der Damerau, Benjamin Bruns, Tareq Nazmi und Marlis Petersen, Letztere in der unbequemsten Partie.

Petrenkos Missa Solemnis, das ist keine selbstgewisse, in sich ruhende Aussage. Viel hört man heraus von der Verunsicherung, dem wie ziellosen Drängen, das Beethoven einkomponierte, auch von einer fast schulmeisterlichen Strenge. Ausgerechnet der programmatischste Teil, das um Frieden flehende Agnus Dei, fällt dann gegen den Rest ab. Weltumarmend, unendlich tröstend müsste dieses mit seinem Dona nobis pacem sein, hier bleibt es jedoch beim penibel strukturierten, aber fast operettigen Swingen. „Zu Herzen“ möge es gehen, schrieb Beethoven über sein rätselhaftestes Werk. Bei Petrenko wird es zum Großereignis für den Intellekt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

BR-Tournee mit Mariss Jansons: Ein kleines Comeback
Die vergangene Tournee mit seinem BR-Symphonieorchester musste Mariss Jansons absagen, jetzt ist er wieder da - beim umjubelten Gastspiel in „seinem“ Wien.
BR-Tournee mit Mariss Jansons: Ein kleines Comeback
Grönemeyer begeistert ausverkaufte Olympiahalle - Und positioniert sich gegen Rechts
Bei seinem Konzert in der Münchner Olympiahalle begeistert Herbert Grönemeyer sogar seine Skeptiker. Der Sänger positioniert sich auf der Bühne aber auch klar gegen …
Grönemeyer begeistert ausverkaufte Olympiahalle - Und positioniert sich gegen Rechts
Worträtsel auf Homepage von „Die Ärzte“ - es geht doch um einen Abschied
Die Fans der Ärzte spekulieren schon länger über einen Abschied der Kult-Band. Mit einem Buchstabenrätsel befeuerten die Berliner Rocker die Diskussionen. Doch worum …
Worträtsel auf Homepage von „Die Ärzte“ - es geht doch um einen Abschied
Bayerische Staatsoper zeigt „La fanciulla del west“: Showdown im Zwielicht
Gespielt wird Puccinis Western-Oper kaum - zu Unrecht, wie diese Münchner Premiere zeigt. Regisseur Andreas Dresen hat dabei vieles richtig gemacht.
Bayerische Staatsoper zeigt „La fanciulla del west“: Showdown im Zwielicht

Kommentare