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Der neue Göttervater in Nöten: Wolfgang Koch als Wotan (u.) mit Alexander Tsymbalyuk als Riese Fasolt (li.) und Ain Anger als sein Bruder Fafner.

WIEDERAUFNAHME AN DER BAYERISCHEN STAATSOPER

Petrenkos „Rheingold“: Verschnürt ins Korsett

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Diese „Ring“-Wiederaufnahme mit Kirill Petrenko ließ die Kartenserver heißlaufen. Der „Rheingold“-Auftakt zeigte: Da ist noch Luft nach oben.

München - Als Beförderung lässt sich die Sache kaum einordnen. Bekanntlich erwischt’s beim Weltenbrand im Finale der „Götterdämmerung“ das gesamte sündige Personal. Und trotzdem: Wolfgang Koch, in der Premierenserie des Münchner „Ring des Nibelungen“ vor sechs Jahren noch als Alberich aktiv, ist jetzt Wotan, und zwar einer der anderen Art. Das Schluffige, Missmutige hat er von Frank Castorfs Bayreuther Version mitgebracht, passt aber zur Münchner Regie von Andreas Kriegenburg nur bedingt. Als „modernes“ Porträt eines Normalos mit Speer mögen das manche einordnen. Doch Koch fehlt – zumindest wie jetzt im „Rheingold“ – eine stimmliche Dimension: die Grandezza, das Gebieterische, das vokale Erz, all das, was Wotan zum – wenn auch vorläufigen – Triumphator macht.

Überhaupt gibt es in dieser auf vielen Positionen neu besetzten Wiederaufnahme einige Leichtgewichte. Golda Schultz (Freia) und Dean Power (Froh) sind formidable Solisten, bleiben aber bei Wagner unterbelichtet. Da muss man sich im rettungslos ausverkauften Haus schon an Kaliber wie John Lundgren (Alberich), Markus Eiche (Donner), Wolfgang Aiblinger-Sperrhacke (Mime) und Okka von der Damerau (Erda) halten. Nobert Ernst agiert sich als Loge in den Vordergrund, ohne zu überreizen. Alexander Tsymbalyuk hätte als Fasolt sein Charisma in einer anderen Produktion sicher mehr ausspielen können.

Rhythmische Sportgymnastik statt Figurenschärfung

Kriegenburgs „Rheingold“ bleibt in der neuen Serie mutmaßlich der beste Teil des „Rings“. Doch die Krankheiten der Regie zeigen sich auch hier: Was vordergründig poetisch sein und mit Theaterfantasie spielen will, provoziert viel Unschlüssiges bis Überinszeniertes. Die Statisterie inklusive rhythmischer Sportgymnastik scheint oft wichtiger als die Figurenschärfung.

Doch ohnehin liefen die Kartenserver heiß wegen des Mannes im Graben. Die beiden Zyklen jetzt und der dritte im Festspiel-Juli dürften Kirill Petrenkos letzte „Ring“-Dirigate auf absehbare Zeit sein. Was Kriegenburg verweigert, liefert er im Überfluss, nämlich eine extreme Schärfung der (musikalischen) Charaktere, einen Willen zur Analyse und Auflichtung, der ans Besessene grenzt.

Diese „Rheingold“-Wiederaufnahme, bei allem Respekt vor dem Wunder-Maestro, zählt nicht zu seinen besten Abenden. Hyperaktiv bis zur Verkrampfung, antreibend bis zum Verhetzen – besonders Szene eins und zwei wirkten wie ins Korsett geschnürt. Petrenko dirigierte, als müsse er ständig etwas retten oder den Apparat vor Fehlern bewahren. Dass das Bayerische Staatsorchester trotzdem seine Klasse als führendes Wagner-Ensemble ausspielte, zeigt: Die Musiker kennen ihren Chef mittlerweile nur zu gut. An den „Ring“-Folgetagen sollte, man wünscht es der heiß ersehnten Unternehmung, diese Nervosität dem gegenseitigen Vertrauen weichen.

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