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Liebesfeuer, projiziert auf eine gewaltige Kugel: Diese dominiert die Bühne in der Oper von Lyon, wo Kirill Petrenko jetzt Wagners „Tristan und Isolde“ dirigierte. Die Titelrollen sangen Ann Petersen (li.) und Clifton Forbis.

Kirill Petrenko – ein souveräner Extremist

Lyon - Zweieinhalb Jahre noch, dann wird Kirill Petrenko Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. Bis dahin hat er alle Termine an der Isar abgesagt. In Lyon triumphierte er nun mit einem Münchner Filetstück: mit Wagners „Tristan und Isolde“.

Man könnte sich’s leichter machen als Messias. Fans und Presse umtanzen den Wundermann, vor allem aber Intendanten, die ihm Verträge und Stifte buhlend entgegenstrecken: Stück? Datum? Egal, Hauptsache hier unterschreiben. Viel spricht jedoch dafür, dass Kirill Petrenko der Weihrauch nicht ins Hirn gestiegen ist, im Gegenteil. Das Grübeln, Zögern, Reflektieren, auch das Absagen, all dies nimmt eher zu. Bayreuths Leitungsschwestern raufen sich darob seit Monaten die Frisuren – Petrenko hat ihnen zum „Ring“ anno 2013 noch immer nicht das Jawort gegeben.

Berechtigt ist all der Hype auf jeden Fall, wie diese Premiere an der Oper Lyon vor Ohren führte: Wagners „Tristan und Isolde“ möchte man fortan nur noch à la Petrenko hören. Dabei passt der Abend schwerlich in eine Schublade: Weihevoll? Aufrührend und aufrüttelnd? Klangästhetisch? Petrenko, der das Orchester mit bestechender Schlagtechnik lotst, bedient all das gleichermaßen – ein souveräner Extremist.

In den Kulminationspunkten setzt der 38-Jährige sogar noch ein paar zusätzliche Megawatt frei. Der erste Akt rast mit schneidiger Bläserattacke und sich überstürzend aufs Ende zu. Und im zweiten Aufzug, beim so verhängnisvollen Treffen des Liebespaares, reißt Petrenko das musikalische Geschehen in einen Furor, bei dem das Orchester gleichsam den Turbo zuschaltet und abzuheben scheint.

Lässig in Lederjacke stellte sich Kirill Petrenko im vergangenen Oktober als neuer Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper vor

Entscheidend ist aber: Derlei Hyper-Emotion bleibt nie Selbstzweck oder rücksichtslos. Der Taumel vollzieht sich gewissermaßen im genau abgesteckten Umfeld. Und es ist frappierend zu erleben, wie Petrenko in solchen Extremsituationen die Sänger führt, ihnen Sicherheit gibt – gerade im Liebesduett, wo sich das Paar hastig und rhythmisch vertrackt nur noch Textbrocken zuwirft. Kontrolle im Hochemotionalen, Detail-Bewusstsein im großen Aufriss, das gilt genauso für den lyrischen Teil des Duetts: Hauchzart gewirkt ist dieses Klanggespinst, doch nie diffus. Eine sacht durchpulste Fläche breitet da Petrenko mit den Musikern aus, bei der jeder Silberfaden konturiert wird.

Einen einzigen Moment der Gewissheit gibt es in diesen viereinhalb Stunden, wie Petrenko vorführt: im Liebestod, wenn Isolde an der Leiche des Geliebten steht, bereit zum Übergang in eine andere Dimension. Ann Petersen, der als flexibler, manchmal leicht flirrender Isolde das Zärtliche wie das Pathos gleichermaßen gelingt, singt das als Triumph: Die Vereinigung im Tod wird zur sieghaften Erfüllung. Ansonsten: nur Fragezeichen, Unentschlossenheit, vergebliches Anrennen. Und das schon im stockenden Vorspiel zum ersten Akt, in dem Petrenko die Pausen überlang dehnt und die Phrasen wie erschöpft verebben lässt. Oder in der Einleitung zum dritten Aufzug. Die nimmt hier mit ihren Energieballungen, mit ihrem Aufbäumen und Ermatten Tristans letzte Momente wie ein Konzentrat vorweg.

Eine Überfülle von wortlosen Übertiteln scheint da aus dem Orchester zu dringen. So beredt, so plastisch, dass jede Regie-Pranke, jede Aufgeregtheit nur gestört hätte. Gerade deshalb geht die Entscheidung für Àlex Ollé und seine Mitstreiter von La Fura dels Baus in Ordnung. Ohne den Projektions-Zierrat bleibt ihr Theater zwar stereotypes Sänger-Gepose. Doch mit den technischen Tricks wird es zu anderem: zur staunenerregenden Video-Installation.

Eine gewaltige Kugel hängt da im ersten Aufzug über einem stilisierten Schiffsdeck (Bühne: Alfons Florès). Bedrohung, Mond, manchmal auch rotglühende Sonne kann sie sein. Im Mittelakt wird die gedrehte, nun offene Halbkugel mit ihren Fensterdurchbrüchen und Treppen zur Spielfläche. Àlex Ollé und seine katalanischen Kumpanen tauchen den „Tristan“ da in eine kosmische, irreale Szenerie, deren Projektionen (Franc Aleu) – ob Sturmwellen, Liebesfeuer oder Baum-Dickicht – zu Gefühls- und Geschmacksverstärkern werden. Und manchmal auch zur Selbstzweck-Trickserei.

Clifton Forbis, ohnehin kein Ausbund an Spielfreude, hilft dieses raffiniert beleuchtete 08/15-Theater sogar. Ein typischer Tristan für den dritten Akt ist er. Für den hebt er sich gewaltige Töne auf, bietet ansonsten aber nur stumpfe Intonation und Textarmut. Jochen Schmeckenbacher wird da fast zum Helden-Konkurrenten: ein jugendlicher, viriler Kurwenal, mit dem sich eine pikante Annäherung an Isolde inszenieren ließe. Ebenso mit dem jungen Christof Fischesser, eine Marke von rauer Sonorität, der aber – wie so oft – auf grauhaariges König-Väterchen geschminkt wurde. Stella Grigorian (Brangäne) blieb anfangs auf Augenhöhe mit Ann Petersens Isolde, sang später jedoch zunehmend überreizt.

Am Ende Jubel, Trampeln und rhythmischer Applaus, nur auf den wackeren Clifton Forbis hatten es ein, zwei Buh-Rufer abgesehen. Kirill Petrenko ist bereits für eine Wiedervorlage gebucht: Im August dirigiert er bei der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle ein weiteres Mal Wagners Liebes-Apotheose. Was seinem „Tristan“ in Lyon womöglich fehlte, war die klangliche Erdung, die dunkle Grundierung, die spezifische Wagner’sche „Tinta“ – auch ein akustisches Problem. Spätestens mit dem Bayerischen Staatsorchester sollte dies anders klingen. Beängstigend gute Aussichten sind das.

Von Markus Thiel

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