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Gefragter Mann: Kirill Petrenko wechselt von der Bayerischen Staatsoper nach Berlin.

Dirigent wechselt zu Berliner Philharmonikern

Petrenko geht: Ein Riesenverlust für Bayerische Staatsoper

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München - Kirill Petrenko, Chef der Bayerischen Staatsoper in München, wird nun Berliner: Er wechselt zu den Berliner Philharmonikern. Die Münchner, die würden ihn am liebsten behalten.

Ein bisschen wird man noch träumen dürfen. So wie Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper, oder Ludwig Spaenle, Bayerns Kunstminister, die gerade sehr frommen Wünschen nachhängen. Zum Beispiel dem, dass Kirill Petrenko nicht nur auf dem Thron der Berliner Philharmoniker Platz nimmt, sondern gleichzeitig der Bayerischen Staatsoper erhalten bleibt. „Über konkrete Modalitäten“ einer Vertragsverlängerung, so der CSU-Politiker am Montag, werde gerade verhandelt. Da kennt Spaenle einen seiner teuersten Angestellten schlecht: als ob der Workaholic Petrenko neben den Berlinern noch Zeit für die Bayern erübrigen könnte.

Die Berliner Philharmoniker, irgendwann ab dem Jahr 2018 (ums genaue Datum wird noch gefeilscht) Petrenkos neues Orchester, haben jedenfalls dazugelernt. Anders als im Mai, als sie sich unter großem Mediengetöse zum ergebnislosen Konklave in der Dahlemer Christuskirche trafen, haben sie sich am vergangenen Sonntag still und heimlich zusammengesetzt. „Mit großer Mehrheit“, wie man nun mitteilte, habe man nach drei Stunden für Petrenko votiert. Der 43-Jährige wird damit Nachfolger von Sir Simon Rattle, der zum London Symphony Orchestra wechselt.

Die Entscheidung für Petrenko überrascht

Auch wenn das weltweit renommierteste Ensemble damit einen der Besten gewählt hat: Die Entscheidung für Petrenko überrascht trotzdem. Nicht nur, weil er vor einigen Monaten unter äußerst merkwürdigen Umständen eine dortige Konzertserie abgesagt hat (angeblich habe er dies den Pförtner wissen lassen). Sondern auch, weil damit ein ausgewiesener Opernmann an die Spitze eines symphonischen Orchesters rückt. Petrenko gab sein Pultdebüt als 23-Jähriger in Vorarlberg – mit einer Oper. Später war er Chefdirigent am Theater in Meiningen und an der Komischen Oper Berlin, bevor er, nach einer Phase ohne festen Posten, 2013 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper wurde.

Dementsprechend schmal ist das symphonische Repertoire des gebürtigen Russen. Doch seine Auftritte auf dem Konzertpodium hatten König-Midas-Qualität: Egal, was Petrenko anfasste, es wurde zu Gold. Was sicherlich mit dem peniblen, berserkerhaften Arbeiten dieses Künstlers zusammenhängt. Auch deshalb lässt sich Petrenko in keine Stilschule einordnen. Überdies gibt es keine Musikepoche, auf die man ihn verengen könnte: Ob Mozart oder Wagner, ob Berg oder Lehár – alles scheint ihm, nach entsprechend intensiver Vorbereitung, zu liegen.

Gleich mehrere Signalwirkungen hat das Berliner Votum. Eine große Enttäuschung dürfte dies für Christian Thielemann sein, der sich einen Wechsel nach Berlin gut vorstellen konnte. Schon 2012, als Rattle seinen Abschied bekanntgab, habe Thielemann beim Philharmoniker-Vorstand vorgefühlt, so wird kolportiert. Vor allem sein Name habe das Orchester beim ersten Wahlversuch zu lautstarker Debatte entzündet und letztlich entzweit. Immerhin löst sich mit dem Berliner Votum nun auch ein anderer Knoten: An Thielemanns Wirkungsstätte, der Dresdner Semperoper, lag die Suche nach einem neuen Intendanten bislang auf Eis. Der kann nur von Thielemanns Gnaden engagiert werden, beim Weggang des Schwierigen hätten die Karten also völlig neu gemischt werden müssen.

Dass Petrenko geht, ist ein Riesenverlust für die Bayerische Staatsoper

Dass Petrenko in einigen Jahren die Bayerische Staatsoper wieder verlässt, ist ein Riesenverlust. Alle diejenigen, die sich auf eine längerfristige musikalische Erziehungsarbeit eingestellt haben, auf die Prägung durch diesen Star, müssen nun umdenken. In kürzester Zeit, in seiner ersten Saison hatte es Petrenko geschafft, das Staatsorchester auf sich einzuschwören und ihm eine bestechende Form beschert. So schnell ist auch ein Chefdirigent noch selten zum Publikumsliebling geworden. Immer beängstigender werden die Ovationen für einen, dem das, man sieht dies regelmäßig am scheuen bis linkischen Auftreten vor dem Vorhang, so gar nicht recht ist.

Die Personalie Petrenko ist eines der größten Pfunde von Intendant Bachler. Er hatte es vor einigen Jahren im Verein mit dem Ministerium geschafft, den von Musikern und Sängern ungeliebten Kent Nagano loszuwerden und den so anders gestrickten, handwerklich viel versierteren Kollegen zu holen. Das Duo Bachler/ Petrenko, so stellten es sich die Entscheidungsträger wohl vor, sollte auf längere Zeit für den weltweit strahlenden Ruhm des Hauses garantieren. Doch eine ausgedehnte Ära, wie sie etwa unter Wolfgang Sawallisch möglich war, bleibt nun Utopie.

Wie Petrenkos Vertrag, so endet auch Bachlers Kontrakt in drei Jahren. Letzterer freue sich, so teilte er gestern mit, „dass Herr Petrenko und ich eine gemeinsam angebotene Vertragsverlängerung anstreben“. Vielsagend ist diese Formulierung, gerade in der Betonung der Zweisamkeit. Gut möglich also, dass die Bayerische Staatsoper vor einem wesentlich größeren Umbruch steht – und sich nicht „nur“ einen neuen Chefdirigenten suchen muss.

Markus Thiel

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