Kirschkerne zwischen die Brüste gespuckt

- Luk Perceval hat ihn in seinem "Schlachten!"-Marathon, dem Shakespeare'schen Rosenkriege-Zyklus, auf dem Theater gezeigt: den regelmäßigen Wechsel von Aufstieg und Fall der Könige Englands und ihre mal fruchtbare, mal verderbliche Herrschaft dazwischen. Auch Urs Widmer, Schweizer Geschichtenerzähler und Romanautor, der das undeutlichste Seelenleben fast plastisch und jede Katastrophe bei aller Verzweiflung immer noch komisch beschreiben kann, hat sich von Shakespeare inspirieren lassen und für den Diogenes-Verlag die Königsdramen nacherzählt.

<P>Kein & Aber Records hat sie auf vier CDs herausgebracht. Und wenn man Widmers Stimme lauscht, dann hört man: einen Chronisten, der bei jedem Massaker erbebt, der in jedes Königs Thronsaal und Schlafgemach Mäuschen war und raunend von Macken zu berichten weiß. Als unterhaltsame Dramenzusammenfassungen könnte man Widmers Hör-Szenarios gebrauchen. Ignorierte damit aber ein Vergnügen: Wie Widmer vorträgt, hat Eigenwert. "Adlige Jünglinge forderten die Sonne zum Zweikampf heraus und stürzten Sekunden später in den Schatten ihrer Pferde", heißt es in seinem "Richard II". So fröhlich wie eitel lässt Widmer Heinrich IV von Spiegel zu Spiegel hüpfen, Kirschkerne zwischen die Brüste der Hofdamen spucken, um uns zu Füßen Heinrichs VI zu führen, der sich nach läuterndem Waldbesuch auf den Thron fallen lässt und die lehmigen Schuhe aufschnürt: Große Gestalten der Geschichte, kleine Spielfiguren des Schicksals - sie sind durch Widmers Art, aus hehrem Stoff Charaktere mit hässlichen Fratzen und zarten Regungen zu schnitzen, zum Greifen nah.</P><P>In seinem dreieinhalbstündigen Parforceritt von Richard II über die Könige Heinrich IV, V, VI, VIII, Richard III bis zu König Johann vergisst Widmer auch nicht den Wechsel der Gangart. Mal erzählt er poetischer, mal stärker im Berichtsstil oder reimt uns das Geschehen in Wilhelm-Busch-Manier zusammen: "Es hat des Herzens Leidenschaft/ schon manchen König weggerafft." Da ist sie dann wieder, diese wunderbare zähe Komik, mit der Widmer Shakespears Schicksalsrad ölt. Dessen Umdrehungen bei ihm die schönsten Aphorismen erzeugen: "Der Leib ist schön mit Kopf und Krone/ entsetzlich ist er oben ohne."<BR>Christine Diller</P><P>Urs Widmer: "Shakespeares Geschichten. Die Königsdramen." Nacherzählt und gelesen von Urs Widmer (Kein & Aber Records).<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Im Minenfeld
München - Bernhard Maaz, Chef der Staatsgemäldesammlungen, spricht im Merkur-Interview über Kunst in der NS-Zeit, Gurlitt, Raubkunst, Provenienzforschung und Restitution.
Im Minenfeld

Kommentare