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Kiss waren der Headliner am zweiten Tag von Rockavaria 2015 im Olympiastadion München.

Olympiastadion

Kiss bei Rockavaria 2015: Die Konzert-Kritik

München - Kiss waren der Headliner am zweiten Tag von Rockavaria 2015 im Olympiastadion eine Hammer-Show. Die Konzert-Kritik.

Accept, Judas Priest – und dann Kiss. Kein Zweifel: Tag zwei des Rockavaria-Festivals stand klar im Zeichen der Rock-Opas. Wobei man neidlos zugeben muss: Diesen vier stark geschminkten Herren macht keine der jungen Bands so schnell was vor. Kiss lieferten als Rockavaria-Headliner mit dem Stapellauf ihrer Europatour das, was sie versprochen hatten.

Gleich zu Beginn gab’s eine Verneigung. Ob vom Tonmeister oder von Kiss höchstselbst, ist nicht bekannt, aber auch unwichtig. Bedeutungsschwanger waberte ein schwarzer Bühnenvorhang mit Band-Logo im Wind, während vom Band Led Zeppelins „Rock and Roll“ als Intro ertönte. Eine stilvolle Hommage an den Rock-Superlativ schlechthin – von einem anderen Superlativ.

Im Übrigen keine schlechte Zusammenfassung, wohin die Reise gehen sollte: Mit seinen zwölf Takten, drei Akkorden und dem gnadenlos nach vorn knüppelnden Schlagzeug ist der Zep-Klassiker eine schönes Beispiel für die Zutatenliste eines Kiss-Songs. Nur, dass die Amerikaner ihren Stadionrock-Songs weniger Virtuoses, aber dafür mehr Hymnenhaftes mitgeben. Weswegen sie mit ihren Fantasieuniformen, Plateaustiefeln und Make-up auch in eine etwas andere Ecke der Rock-Geschichte gehören.

Das Unikum Kiss ist ein Teil der Popkultur und ihre Shows, über die Jahre lediglich in Nuancen verändert, zum Synonym für Rock-Konzerte schlechthin geworden. „Wenn die Fans uns auf der Bühne sehen, werden sie wissen, warum wir uns mit ,You wanted the best, you got the best“ vorstellen‘, sagte Gene Simmons vor dem Auftritt im Gespräch mit unserer Zeitung. Zu viel versprach er nicht: Nach der Eröffnung „Detroit Rock City“ folgten mit „Deuce“, „War Machine“ und wenig später „Creatures of the Night“ jede Menge Klassiker, und nach Sekunden krachten schon die ersten Bühnen-Pyros zu Eric Singers furiosen Trommelwirbeln.

Kiss bei Rockavaria 2015 in München: gigantische LED-Wände

Mummenschanz, Mitsing-Hymnen, Make-up und Feuerwerk – Kiss-Konzerte sind ein immer wieder neu zusammengesetztes Mosaik aus bekannten Bestandteilen. München durfte alle erleben: Gitarrist Tommy Thayer feuerte während seines ziemlich lässigen, bluesrockigen Solo-Parts Feuerwerksraketen aus dem Gitarrenhals, Rhythmusgitarrist und Sänger Paul Stanley fuhr mit ihm zu „Lick it up“ auf einer Plattform hoch hinaus über den Bühnenboden. Und wo war der andere Kiss-Gründer, Bassist Gene Simmons? Der tauschte derweil seinen E-Bass gegen ein saitenbespanntes Hackebeilchen, ließ sich sichern, um kurz darauf mit Hilfe von Seilen auf eine kleine Plattform unter den Bühnenhimmel zu „fliegen“. Selbstverständlich nicht, ohne vorher Kunstblut übers Kinn gespuckt zu haben. Den markerschütternden „God of Thunder“ gab’s selbstverständlich als Soundtrack zur Gruselshow dazu, wie in den Jahrzehnten zuvor. Die Frage bei Kiss-Konzerten ist nicht, was kommt – sondern, wann es kommt. Lediglich beim Bühnenbild gibt’s immer wieder Überraschungen. In München waren es gigantische LED-Wände, die sogar unterm Bühnendach aufgehängt waren und die Festivalbühne mal zur lodernden Feuerhölle oder zum gläsernen Würfel werden ließen. Musikalisch ist den vier Herren, obwohl hart in Richtung Rentenalter unterwegs, nichts vorzuwerfen. Stanleys Stimme schafft die Höhen zwar nicht mehr spielend, aber gelangt immer noch souverän dorthin, wohin manch Jüngerer nie kommt. Das Zusammenspiel funktioniert wie ein geölter Motor, und dank der Kostüme wirken die zu Kunstfiguren gewordenen Musiker ohnehin (fast) alterslos.

Kiss und Judas Priest bei Rockavaria: Die Bilder

Rockavaria 2015: Die Highlights vom Samstag in Bildern

Kiss als Disneyland des Rock’n’Roll abzutun, wäre naheliegend angesichts des gigantischen Schlussfeuerwerks, bei dem sozusagen die komplette Ostseite des Olympiastadions als Abschussrampe genutzt wurde – aber dennoch unzulänglich. Ihr musikalischer Katalog gibt nämlich satte zwei Stunden Klassiker her. Nach den Zugaben „I was made for loving You“ und „Rock and Roll all Night“ sowie „God gave Rock and Roll to You“ als Rausschmeißer vom Band hinterließen sie nicht nur ein begeistertes Stadion, sondern auch eine etwa Zehnjährige mit Fledermaus-Make-up, die noch in der U-Bahn müde, aber glücklich Songs summte, die weit vor ihrer Geburt geschrieben wurden.

Von Christoph Ulrich

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