Der Kitzel der Fremde

- Eine Hotelbar ­für viele ein Ort, an dem man zwar nie allein ist, sich aber trotzdem einsam fühlen kann. Nicht jedoch Georgette Dee. "Ich liebe diese Orte", sagt die Diseuse, "weil sie einen zwingen, sich dem Unbekannten zu öffnen". Mit dem "Kitzel der Fremde" hat auch das aktuelle Programm der gefeierten Chansonnière zu tun, die in Wirklichkeit ein Mann ist. Heute und morgen (20 Uhr) wird die Bühne des Münchner Volkstheaters zur Bar des Central Pacific Hotels in Tokio, und die Dee klappt ihr Tagebuch auf, um daraus zu lesen und für "Deevine Moments" zu sorgen, unterstützt von Nils Gessinger am Flügel und Jürgen Attig am Kontrabass.

Das Etablissement in der japanischen Hauptstadt kennt sie tatsächlich, wie wörtlich man das Tagebuch nehmen muss, diese Frage bleibt so vage beantwortet wie die, was die Diva des schrägen Entertainments da Abend für Abend öffentlich trinkt: "Betriebsgeheimnis!" Vieles bleibt geheimnisvoll an dieser Künstlerin, die vor Publikum (auch) vom schnellen Sex träumt und im Gespräch betont, es sei nicht der "Kitzel des Abenteuers", der sie am Reisen und am Aufenthalt in den besten Hotels reizt. Schon eher eine spezielle Form von Dienstleistung, die sie in Deutschland vermisst: "Dadurch, dass es hier keine touristische Tradition gibt, ist das Hotel für viele ein Zwischending zwischen Gefängnis und Krankenhaus. Und genau so werden viele Häuser auch geführt."

Da kann die Künstlerin richtig in Rage geraten ­ und auch, wenn es um die aktuelle Politik geht, um die Kanzlerin beispielsweise: "Ich finde es unglaublich, wie die Männerwelt ­ die Führungselite besteht ja doch noch zu 85 bis 90 Prozent aus Männern ­ mit dieser Frau umgeht." Eine Art Frauensolidarität ­ aber nicht auf der Bühne. "Meine Funktion ist die des Narren", sagt die 48-Jährige. "Ich arbeite lieber subversiv, indem ich meine Sichtweise auf das Leben und die Welt erzähle. Und das wirkt in den Leuten weiter". Und es sei ja nicht so, dass nicht auch Politiker gelegentlich vorbeischauten.

Einen Begriff wie Gesundheitsrefom werden die ­ wie alle anderen Fans ­ dann wohl bis auf Weiteres ebenso wenig hören wie die Mitteilung, dass die Diseuse, die so innig ihre Sehnsüchte beschreiben und besingen kann, nun in einer glücklichen, bürgerlichen Beziehung lebt. Als Bühnenfigur, versteht sich. Was ihr Privatleben in einem Dorf in Niedersachsen betrifft, so "würde ich nicht sagen, dass ich sehr unbürgerlich lebe". Ein Leben mit Mann und Kindern ist damit wohl nicht gemeint: "Ich denke, dass ich nicht der einfachste Mensch bin, mit dem man eine Beziehung haben kann. Beziehung muss man lernen. Das glauben ja viele Leute nicht ­ und dann stehen sie tränenüberströmt vor den Trümmern ihrer Imagination." Ein Satz, der pathetisch klingt, dem die Diva aber sogleich ein raues Lachen hinterherschickt.

(Selbst-)Inszenierung und Realität ­ Georgette Dee, die einst den eher profanen Beruf des Krankenpflegers erlernte, bevor sie Anfang der Achtzigerjahre ihr Publikum im Sturm eroberte, beherrscht das Spiel perfekt. Und so kann man auch nur darüber spekulieren, ob das auf der Bühne zelebrierte Gefühls-chaos nur unterhalten oder auch auf Paare im Parkett überspringen soll: "Ich glaube, manchen Leuten macht es Angst, dass sie bei mir kalt erwischt werden." Nur rauszugehen aus dem Theater, helfe da nicht, denn "wenn das Ding erst einmal losgehebelt ist, dann hört das auch zuhause nicht mehr auf".

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