Klänge auf Papier gebannt

München - Musik ist eine flüchtige Kunst, die nur im Augenblick des Erklingens wirklich lebt. Dass sie dennoch, auch in papierener Form, ein großer Schatz sein kann, erfährt, wer sich in die Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek (sie feiert heuer ihr 450-jähriges Bestehen) vergräbt, deren Musikabteilung zu einer der führenden Sammlungen auf der ganzen Welt gehört.

Prächtigste Kostbarkeit: die mehr als 400 Jahre alten Groß-Folio-Bände der Bußpsalmen von Orlando di Lasso. Der Münchner Maler Hans Mielich machte diese "Notenbücher" mit seinen überwältigenden, virtuosen Buchmalereien (biblische Szenen etwa von der Sintflut oder aus der Apokalypse) zur aufwändigsten Musikhandschrift, die jemals geschaffen wurde.

Hartmut Schaefer, promovierter Musikwissenschaftler und Bibliothekar an der Spitze der Musikbibliothek, gerät förmlich ins Schwärmen, wenn er von diesen Kunstwerken berichtet, die Herzog Albrecht V. von Bayern ab 1550 in Auftrag gab. "Die Komposition der Bußpsalmen von Lasso und die illuminierten Pergament-Chorbücher, die 60 Zentimeter hoch und 50 breit sind, wurden exklusiv für Albrecht geschaffen. Aus ihnen wurde nur im engsten Kreis des Herzogs musiziert, aber er konnte sie seinen Gästen zeigen und sich damit als kunstsinniger und hochgebildeter Herrscher ausweisen."

Quasi als Vorarbeit für Lassos Bußpsalmen wurde schon 1564 der Codex mit 26 Motetten von Cipriano de Rore, ein in ganz Europa hoch geschätzter Komponist, der aus Ferrara nach München gekommen war, vollendet. Die folgenden Bußpsalmen, so berichtet Schaefer, "haben beispiellose Summen verschlungen". In dieser Zeit nahm auch die Bayerische Hofkapelle einen steilen Aufschwung: In 75 großformatigen Chorbüchern ist das gesamte Repertoire der damaligen Hofkapelle vereinigt, die bereits ab 1523 unter Ludwig Senfl aufblühte und unter Orlando di Lassos Leitung der bayerischen Residenz den Ruf eines europäischen Musikzentrums einbrachte. Kein Wunder also, dass auf diesem einzigartigen Grundstock, der übrigens in besonderen Magazinen vor Licht und Klimaschwankungen geschützt gelagert wird, die Musik zu einem Sammelschwerpunkt der Staatsbibliothek avancierte.

Zum Jahresende 2006 umfasste die Musikabteilung 355 456 Notendrucke, 37 500 Musikhandschriften, 82 731 Tonträger und 139 021 Musikbücher und Zeitschriften. Natürlich gehören dazu auch die alten Noten-Bestände der Hofoper (später Staatsoper), die allein 440 Meter Regale benötigen und manchen Schatz enthalten: Zum Beispiel die Uraufführungs-Partituren von Mozarts "Idomeneo", Wagners "Tristan" und "Rheingold". "Zum Glück wurde im Zweiten Weltkrieg nichts von unserer wertvollen Sammlung zerstört, weil sie rechtzeitig ausgelagert worden war", berichtet Schaefer.

Nach dem Krieg, im Jahr 1949, wurde der Bayerischen Staatsbibliothek wegen der Qualität und des Umfangs ihrer Bestände von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) das Sondersammelgebiet Musikwissenschaft übertragen. Die "Stabi" entwickelte sich fortan zur größten musikwissenschaftlichen Bibliotheke in Europa. Wissenschaftler, Studenten, professionelle Musiker, Leute von Funk, Musik-Industrie und Presse, aber auch private Musikfreunde mit hochspezialisierten Arbeitsvorhaben gehören zu den Benutzern. Weit über 3000 Anfragen gehen im Jahr ein, viele aus dem Ausland, besonders den USA. "Im Sommer haben wir hier immer besonders viele amerikanische Gäste", freut sich Hartmut Schaefer, der zudem von den "Wunderwerken" der modernen Technik berichten kann. Digitalisierung heißt auch in der Musikabteilung seit einigen Jahren das Zauberwort. Als "Virtuelle Fachbibliothek Musikwissenschaft" findet Vernetzung im großen Stil statt.

Sogar alte Folianten können heutzutage digital gespeichert werden. Neben dem problemlosen, schnellen Arbeits-Zugriff bieten diese Techniken und eine ausgefeilte Druckkunst auch die Möglichkeit, Faksimiles herzustellen. In den vergangenen Jahren brachte die Musikabteilung einige wissenschaftliche wie auch bibliophile Ausgaben heraus: als bedeutendste den Mensuralcodex St. Emmeram, eine um 1430 bis 1460 im Regensburger Benediktinerkloster entstandene Sammlung aus den Höhepunkten der Mehrstimmigkeit in den führenden europäischen Ländern.

Aber auch kleinere, gleichwohl sensationelle Funde wie ein Lied von Franz Liszt, Heinrich Ignaz Franz Bibers Rosenkranz-Sonaten und eine Kantate von Händel. Diese anonym überlieferte Handschrift entdeckte ein Wissenschaftler in einer Sammelhandschrift und kam zu dem Schluss, dass sie von Händel stammte. Schaefer erhielt von den führenden Händel-Forschern die Bestätigung, dass der große Barockmeister diese völlig untypische, weil so gleichmäßig ausgeführte Handschrift selbst verfasst hat. "Er musste den Generalbass aussetzen und schön schreiben, weil er diese Kantate sehr wahrscheinlich nicht für seine professionellen Mitarbeiter, sondern für seine Schülerinnen, die englischen Prinzessinnen, notiert hat", erläutert Schaefer.

Doch nicht nur seltene Zufallsfunde, sondern gezielte Ankäufe oder auch Schenkungen bereichern die Musikabteilung. So berichtet ihr Chef hocherfreut, dass er die Nachlässe von Karl Höller, Joseph Haas, Wolfgang Fortner, Günter Bialas, Bertolt Hummel oder Harald Genzmer übernehmen und für einen wichtigen Schwerpunkt -­ Gustav Mahler -­ zukaufen konnte.

Zu den "Hausgöttern" gehören selbstverständlich die süddeutschen Komponisten. Unter ihnen Lachner, Rheinberger und Reger und naturgemäß Richard Strauss. Die Bayerische Staatsbibliothek verfügt über den größten Bestand mit Musikautografen und eigenhändigen Briefen von Richard Strauss, der sich international in öffentlichem Besitz befindet: weit über 2000 Briefe und etwa 70 Musik-Autografen. Auch jetzt werden diese Schwerpunkte systematisch ergänzt und aufgebaut.

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